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Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen

Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon asoka » 11. Januar 2015 21:43

Hallo zusammen.

Konkret konnte ich nichts dazu finden im Netz.
Mich würde intressieren wie Demenz aus der Spirituellen/Buddhistischen Sicht gewertet wird.

Sicher das Gehirn wird Stück für Stück wie eine Festplatte bei einem Pc gelöscht.

Aber was geschieht mit dem Geist ist er gefangen weil der Körper noch funktioniert und kann daher nicht in die nächste Verwandlung gehen wie ich es mal nennen möchte?

Wenn ich darüber so nachdenke muss gerade die Demenz schrecklich gerade sein wenn man einem Spirituellenweg ein leben lang gefolgt ist.
Denn man ist auch nicht fähig Phowa oder der gleichen zu praktizieren wenn es zu Ende geht.
Alle Mittel die man sich angeeignet hat werden ja im Bewusstsein gelöscht.

Was ist eure Meinung dazu oder wo steht etwas in diesen Zusammenhang geschrieben?!

Gruss asoka
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Tobias » 11. Januar 2015 23:06

Hallo
ich habe einige Zeit im Altenheim mit Demenzkranken gearbeitet.

Ich kann nicht sagen ob das was ich vertrete buddhistischer Konsenz ist sondern nur meine Meinung schildern.

Also erstmal ist Demenz nicht gleich Demenz der Grad der "geistigen Auflösung" ist unterschiedlich.

Dann ist mir aufgefallen, dass bei Demenzerkrankten zwar die Merkfähigkeit/logische Denkfähigkeit extrem nachlässt, jedoch was dabei herausgekehrt wird sind ihre Gewohnheiten. Oft habe ich gelesen oder gehört, dass diese oder jene Tätigkeit die die Demenzkranken machen, schon früher ein Wesentlicher Teil ihrer Gewohnheiten war. Genau so verhält es sich mit Charaktereigenschaften. Die Gewohnheit setzt sich durch. Deshalb gibt es verbitterte und friedliche Demenzkranke (und natürlich eine Mischung).

Hier sehe ich eine Paralelle zu den Lehren. Auch im Bardo Dharmata und im Bardo des Werdens spielen Gewohnheiten die zentrale Rolle. Wenn es also in gesunden Zeiten gelingt eine positive Geisteshaltung zu kultivieren so wird sie sich auch in der Demenz durchsetzen davon bin ich überzeugt.

Außerdem hängt es davon ab wie die Demenz ausgelöst wurde. Wenn die Demenz durch Alkoholmissbrauch ausgelöst wurde ist es häufiger dass sich eher agressive Verhaltensweisen durchsetzen.

Fatal an der Demenz ist, dass man in Kreisläufen von immer gleichen Denk-und Handelsmustern eben Gewohnheiten festhängt. Es ist deshalb notwendig schon früh eine positive Geisteshaltung zu üben damit im Fall der Demenz sich wenigstens die positiven Gewohnheiten durchsetzen.

Zur Praxis zum Zeitpunkt des Todes:

Also erstmal heißt es nicht dass ein Demenzkranker niemals wieder einen klaren Bewusstseinszustand erlangt. Viel eher wechseln sich getrübte und bewusste Zustände ab. Zugegeben nehmen die getrübten Bewusstseinszustände zu. Es wäre also durchaus möglich dass sich ein Demenzkranker zum Zeitpunkt des Todes an Phowa oder an eine sonstige Technik erinnert.

Sollte dies nicht der Fall sein so ist es wieder eine Frage der Gewohnheiten. Wenn positive Gewohnheiten überwiegen wird auch im Zeitpunkt des Todes ein positiver Geisteszustand beibehalten. Phowa hin oder her, dadurch steigen die Chancen einer positiven Widergeburt.
Außerdem ist es möglich dass gerade Sadhana-Praktizierende wenn sie in einer Gemeinschaft waren sich trotz Demenz an z.B. Gebete erinnern. Denn diese Gebete werden oft gesungen. Und Lieder die eine Bedeutung haben können selbst Demenzkranke singen egal in welchem Stadium (ggf. müsste sie ein praktizierender der nicht demenzkrank ist oder ein Pfleger dazu animieren dieses Gebet zu singen). Selbst wenn die Möglichkeit nicht mehr besteht etwas zu visualisieren oder gar den Sinn hinter dem Gebet zu verstehen ist man durch das reine Mantra auch verbunden mit der ganzen Linie.
Auch das schafft einen positiven auf den Buddha ausgerichteten Geisteszustand zum Zeitpunkt des Todes.

Liebe Grüße
Tobias
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Sherab Yönten » 12. Januar 2015 09:10

Gibt es Untersuchungen ob sich Demenz bei Meditierenden weniger stark entwickelt wie bei Menschen, die nicht meditiert haben ? Die Mudras in der tantrischen Praxis sollen auch bestimmte Gehirnareale aktivieren, die eine mögliche Demenz reduzieren oder gar verhindern könnte. Lieder sind wichtig, um sie später abrufen zu können. So groß ist die Auswahl an gesungenen Mantras jedoch nicht. Ich kenne "lediglich" die Melodie von Om Mane Padme Hung. Viele Mantras werden "nur" gesprochen und leider nicht gesungen.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Tobias » 12. Januar 2015 09:36

Gibt es Untersuchungen ob sich Demenz bei Meditierenden weniger stark entwickelt wie bei Menschen, die nicht meditiert haben ? Die Mudras in der tantrischen Praxis sollen auch bestimmte Gehirnareale aktivieren, die eine mögliche Demenz reduzieren oder gar verhindern könnte. Lieder sind wichtig, um sie später abrufen zu können.


Damit wäre ich vorsichtig. Die genauen Ursachen von Alzheimer sind unklar. Man vermutet dass es an bestimmten Eweißablagerungen liegt die bei Demenzkranken vermehrt vorkommen. Man weiß aber noch nicht welche Funktion dieses Eweiß im Gehirn hat und schon gar nicht warum es zu diesen Ablagerungen kommt. Deshalb ist eine Schlussfolgerung schwierig.

Die Meditationsforschung im Westen ist ja auch ein Witz wie ich finde. Seit Jahren hört man immer nur das Gleiche aufgewärmte Zeug von wegen verbesserte Konzentration und bessere Gefühlsregulation etc. Das ist ja alles recht vage.

Deshalb gibt es konsequenter weise auch keine Studien ob Meditation einer Demenz vorbeugen könnte oder nicht, zumal wie ich oben beschrieben habe die genauen Ursachen von Demenz unklar sind.

Liebe Grüße
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon om.a » 12. Januar 2015 11:00

Demenz aus Spiritueller Sicht
- dazu kann ich sagen, -
dass spirituell Praktizierende
ruhig und freudvoll
auf ihren
Lebensausgang blicken.

Persönlich meine ich, dass diese "weggetretenen" Zustände ein Geschenk sind,
um sich persönlich von diesem Erdenleben zu verabschieden, bzw. "mit sich und Allem Frieden zu schließen.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon voom » 12. Januar 2015 12:00

Demenz kann für die Betroffenen selbst wohl durchaus eine Gnade sein. Für die Umwelt, die da mitspielen muss, sieht das natürlich meist anders aus.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon om.a » 12. Januar 2015 13:26

Für die Umwelt kann es auch eine Gnade sein,
z.B.
die leicht demente Person dachte eine Bärlauchsuppe wäre bekömlich, hat aber auch möglicherweise auch das Blatt von Herbstzeitlosen dazugemischt.

Diese Toilette zu putzen kommt sehr nahe daran, sich vorzustellen, auf einem Leichenfeld zu meditieren.

:crazy:
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon voom » 12. Januar 2015 13:41

Es gibt ja medizinisch eine ganze Menge Ansätze, was die Ursachen von Demenz angeht, aber es sieht auch hier nicht danach aus, als ob es eine klare Ursache gibt, die man einfach "abschalten" kann. Viel Gewicht wird inzwischen auf "Lifestyle-basierte Prävention" gelegt - Ernährung soll eine wichtige Rolle spielen.

Also zumindest einen Teil der Ursachen kann man offenbar durch Lebensführung vermeiden oder abschwächen. Ich vermute auch, das ist jetzt einfach eine Idee von mir, dass Demenz-Karma auch etwas mit dem Vergessen wollen zu tun hat, oder z.B. wenn jemand viel verdrängt hat. Man könnte sich anschauen, was genau vergessen wird und was dadurch bevorzugt ins Bewusstsein hochkommt...
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon om.a » 12. Januar 2015 14:03

Das mit dem "Demenz-karma"
entspricht ganz meiner Beobachtung, Empfindung und Erklärung.

Die Zeit, eine Bilanz zu ziehen, sich Zuwendung geben zu lassen, die man in der Kindheit nicht kannte.
Dankbarkeit üben.
Eventuell auch Demut.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon voom » 12. Januar 2015 14:22

Mich würde es interessieren, mal eine Studie zu sehen, wo untersucht wird ob es bei Leuten, die lange und regelmäßig meditiert haben, einen geringeren Anteil an Demenzerkrankungen gibt.

Krankheitskarma ist ja nicht so leicht aufzulösen, aber bei Demenz könnte ich mir vorstellen dass es da einen signifikanten Unterschied gibt. Nur dass so eine Langzeitstudie nicht so leicht durchzuführen ist und das Interesse bei kommerziellen Drittmittelgebern dürfte da eher dürftig sein. (Weil man Meditation nicht patentieren kann)
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 12. Januar 2015 14:31

Ich hab mal eine Doku über das Thema gesehen: eine katholische Nonne hat erlaubt, nach ihrem Tod ihr Hirn zu Forschungszwecken zu verwenden.
Sie war dann irgendwie über 85 Jahre alt geworden, hatte ihr Leben lang dieses Nonnenleben mit "Ora et Labora" geführt und vor ihrem Tod eigentlich ganz rege und geistig fit gewirkt für eine über 80-Jährige.
Die Wissenschaftler waren dann hoch erstaunt zu sehen, dass das Gehirn komplett mit Alzheimer-Plaque zugekleistert gewesen war.

Einen Link hab ich nicht. Sie lebte in einem deutschen Nonnenkloster und den Film hab ich vor ein paar Jahren gesehen.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Tobias » 12. Januar 2015 14:33

@ Ayu
Ja die Doku kenne ich auch.

Deshalb meinte ich auch, dass es noch schwierig ist in eindeutigen Ursache-Wirkung-Zusammenhängen zu denken zumindest aus wissenschaftlicher Sicht.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon voom » 12. Januar 2015 14:36

D.h. sie hatte körperlich zwar Anzeichen, mit denen Sie dement hätte sein müssen, aber ihr Geist hat das einfach ignoriert? ;)

Das ist ja oft der Effekt bei spiritueller "Heilung" - obwohl der Körper offensichtlich aus der Balance ist, schert sich der Geist nicht darum und tut - erfolgreich - so als wäre alles in Ordnung.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon voom » 12. Januar 2015 14:42

Studie von 2007

Age effects on gray matter volume and attentional performance in Zen meditation

Giuseppe Pagnoni, Milos Cekic

Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, Emory University, 101 Woodruff Circle, Suite 4000, Atlanta, GA 30322, USA
Received 7 March 2007; received in revised form 25 April 2007; accepted 5 June 2007

Zen meditation, a Buddhist practice centered on attentional and postural self-regulation, has been speculated to bring about beneficial long-term effects for the individual, ranging from stress reduction to improvement of cognitive function. In this study, we examined how the regular practice of meditation may affect the normal age-related decline of cerebral gray matter volume and attentional performance observed in healthy individuals. Voxel-based morphometry for MRI anatomical brain images and a computerized sustained attention task were employed in 13 regular practitioners of Zen meditation and 13 matched controls. While control subjects displayed the expected negative correlation of both gray matter volume and attentional performance with age, meditators did not show a significant correlation of either measure with age.

The effect of meditation on gray matter volume was most prominent in the putamen, a structure strongly implicated in attentional processing. These findings suggest that the regular practice of meditation may have neuroprotective effects and reduce the cognitive decline associated with normal aging.

© 2007 Elsevier Inc. All rights reserved.

"Diese Ergebnisse legen nahe, dass regelmäßige Meditationspraxis nervenschützende Auswirkungen haben könnte und den Abfall geistiger Leistung reduzieren könnte, der mit dem normalen Alterungsprozess in Verbindung gebracht wird."
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Sherab Yönten » 12. Januar 2015 15:42

Ich habe am Samstag gerade den Film "Honig im Kopf" gesehen. Es wurde zumindest im Film (ein genialer Hallervorden als Demenzkranker) nicht so gezeigt, Demenz sei eine Gnade für den (nicht spirituellen) Kranken.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon voom » 12. Januar 2015 16:29

Ich habe einige Demenzkranke über einen längeren Zeitraum erlebt - sie lebten in einer eigenen Welt, in der Verwandte noch lebten usw. Die nähere Vergangenheit wurde ausgeblendet. Interessant war, was ich über die Umgang mit diesen Menschen gelernt habe: mitspielen! Man kann sie aus ihrer Welt nicht rausreissen, und selbst wenn es einem gelingen sollte, sind sie höchstens verstört. Wenn man sie aber in den Grenzen ihrer Welt navigieren kann, kommen sie gut zurecht und sind meist guter Dinge. Wie gesagt, das waren meine Erfahrungen, es gibt sicher verschiedenste Erscheinungsformen.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Tobias » 12. Januar 2015 21:19

Ich sehe es genau so wie voom. Mitspielen. Eine äußerst interessante Lebenserfahrung weil man wirklich erlebt wie es ist sich auf die Sicht eines Menschen vollständig einstellen zu müssen, weil ansonsten nur noch mehr Leid entsteht. Das ist auch nicht zu vergleichen mit Kleinkindern, denn hier spielt der Aspekt der Erziehung im Umgang mit Ihnen eine wesentliche Rolle. Das fällt aber im Fall von Altersdemenz komplett weg es bleibt nur Akzeptanz und Empathie.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 14. Januar 2015 15:31

voom hat geschrieben:D.h. sie hatte körperlich zwar Anzeichen, mit denen Sie dement hätte sein müssen, aber ihr Geist hat das einfach ignoriert? ;)

Das ist ja oft der Effekt bei spiritueller "Heilung" - obwohl der Körper offensichtlich aus der Balance ist, schert sich der Geist nicht darum und tut - erfolgreich - so als wäre alles in Ordnung.


Ah. Dann verstehe ich, warum ich mich immer wie eine 25-jährige fühle, aber trotzdem wahrlich nicht so aussehe! :P
Wahrscheinlich werde ich auch "mit 25" sterben, echt.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 14. Januar 2015 15:40

Sherab Yönten hat geschrieben:Ich habe am Samstag gerade den Film "Honig im Kopf" gesehen. Es wurde zumindest im Film (ein genialer Hallervorden als Demenzkranker) nicht so gezeigt, Demenz sei eine Gnade für den (nicht spirituellen) Kranken.

Aber das ist ja keine Doku, lieber Sherab.
Der Film mit Hallervorden will verkauft sein - also wird natürlich beschönigt und verlustigt. Sonst guckt sich das doch keiner an.

Demenz äußert sich sehr verschieden - je nach dem, welche Hirnareale lahm gelegt wurden und welche noch funktionieren. Viele werden mit der Demenz aggressiv, "grantig", und haben sehr furchterregende Halluzinationen und Paranoia. Das darzustellen wäre nicht gerade Hallervorden-kompatibel gewesen.
Meine Mutter wurde glücklicherweise entgegen ihrem ursprünglichen Temperament mit der Demenz extrem altersmilde. Voll die liebe, tüddelige Oma. Aber: als Pommernflüchtling hat sie im Alter das Gefühl für "zu Hause" verloren. Egal, wo sie war, sie wollte "nach Hause". Sie weinte dann sehr leicht und war so ohne Hoffnung. Das war herzzereissend traurig!!!

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 14. Januar 2015 15:48

voom hat geschrieben:Ich habe einige Demenzkranke über einen längeren Zeitraum erlebt - sie lebten in einer eigenen Welt, in der Verwandte noch lebten usw. Die nähere Vergangenheit wurde ausgeblendet. Interessant war, was ich über die Umgang mit diesen Menschen gelernt habe: mitspielen! Man kann sie aus ihrer Welt nicht rausreissen, und selbst wenn es einem gelingen sollte, sind sie höchstens verstört. Wenn man sie aber in den Grenzen ihrer Welt navigieren kann, kommen sie gut zurecht und sind meist guter Dinge. Wie gesagt, das waren meine Erfahrungen, es gibt sicher verschiedenste Erscheinungsformen.


Genau. Alles, was nicht "mitspielen" ist, wird wie ein Schlag ins Gesicht empfunden und ist grausam. Z.B. als meine Mutter sagte: "Kind, ich hab keine Zeit für Dich, ich muss doch gleich zur Arbeit!", hab ich nur beim ersten Mal irritiert geantwortet:
"Aber Du bist doch hier im Pflegeheim."
Ich bildete mir ein, sie in diese Welt holen zu müssen - Blödsinn. Sie war komplett irritiert dadurch und hat es eh sofort wieder vergessen. Also hab ich ihr nur weh damit getan und sonst gar keinen Nutzen erzielt.
Später war meine Standartantwort: "Hey, Du hast doch heute Urlaub! Ganz vergessen?" :angel:

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Sherab Yönten » 14. Januar 2015 17:59

Ayu hat geschrieben:Aber das ist ja keine Doku, lieber Sherab.Der Film mit Hallervorden will verkauft sein - also wird natürlich beschönigt und verlustigt. Sonst guckt sich das doch keiner an.


Meine Frau ist ja in der Pflege tätig. Sie konnte schon sehr gut beurteilen welche Szenen im Film realistisch waren und welche überzogen. Natürlich haben wir darüber gesprochen. Ich glaube keiner kann beurteilen ob ein Demenzkranker diese Krankheit als Gnade empfindet.

voom hat geschrieben:Demenz kann für die Betroffenen selbst wohl durchaus eine Gnade sein.
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 16. Januar 2015 16:56

voom hat geschrieben:Demenz kann für die Betroffenen selbst wohl durchaus eine Gnade sein.

Dass es vorkommen kann, bezweifle ich nicht.

Sherab Yönten hat geschrieben:Ich habe am Samstag gerade den Film "Honig im Kopf" gesehen. Es wurde zumindest im Film (ein genialer Hallervorden als Demenzkranker) nicht so gezeigt, Demenz sei eine Gnade für den (nicht spirituellen) Kranken.

Da hab ich Dich so verstanden, dass Du das für gesetzt halten würdest, Demenz sei für den Demenzkranken wahrscheinlich eine Gnade.
Dem setzte ich entgegen, dass die Ausformungen sicherlich sehr verschieden sind - wie die Menschen an sich verschieden sind.
Ich wette, das weiß Deine Frau auch. :D
Extra-liebe Grüße.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon om.a » 17. Januar 2015 11:50

Vielleicht besteht die
Gnade
darin, schwierige, bzw. leidvolle Zustände
aus einer neutralen Sicht zu sehen.

Als Angehöriger nicht in Angst und Mitleids-starre zu verfallen, und der Situation einen
positiven Sinn zu
verleihen.

om.a
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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 18. Januar 2015 00:55

Ja, "Mitleidsstarre" hatte ein Angehöriger meiner dementen Mutter gegenüber. Das äußerte sich dann so, dass er sie nicht mehr besuchte, weil er "es nicht ertragen konnte". Er bat mich noch telefonisch, mich auch immer schön um sie zu kümmern und ward nicht mehr gesehen...
Mitleidsstarre kann man nicht gebrauchen.

Für meine Mutter war die Demenz ein unglaublich langsamer Abschied. Durch diese Slowness war es auch sanft. Ich denke, meine Mutter wollte das so. Sie wollte nicht sterben, und deshalb verabschiedete sie sich sehr langsam.
Die Gnade war das eher für meinen Bruder und mich, weil es uns unglaublich viel gegeben hat, uns so weit es ging um sie zu kümmern. Ich hab sie immer mit meinen Problemen vollgequatscht, wenn ich sie im Pflegeheim besuchte - damit man was zu reden hatte. Und sie... Ganz trocken haute sie ihre Lebensweisheit dazu raus. Kurz und bündig. Auf der emotionalen Ebene war sie absolut da und verstand auch, was in einem vorging. Nur wusste sie nicht, welches Jahr war und konnte im defekten TV stundenlang das Flimmerbild anschauen. Sie spielte dann Fernsehgucken, aber verstand das Bild nicht.
Aber gut ging es ihr nicht und wohl hat sie sich auch nicht gefühlt.
Also, für ihren Geisteszustand war die Demenz keine Gnade. Sie war sehr unglücklich in ihrer Hilflosigkeit.

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Re: Demenz aus Buddhistischer/Spiritueller Sicht.

Beitragvon Ayu » 2. Februar 2015 10:14

Auf ARD wollen sie heut abend (20:15) in der Talksendung "Hart aber Fair" über den Hallervorden-Film diskutieren, ob diese lustig-beschauliche Herangehensweise des Films dem Thema Alzheimer gerecht wird.

Ich denke, es liegt natürlicher Weise im Auge des Betrachters. Eine Pflegekraft (die auch Feierabend und Wochenende hat) wird die Sache aus einem anderen Blickwinkel sehen können als ein nicht persönlich betroffener Schauspieler/Filmemacher und auch ganz anders als ein pflegender Angehöriger.

Mein Schwager & Schwägerin, beide aus Pflegeberufen, haben sich zugetraut ihre Alzheimer-Oma zu Hause zu pflegen - und waren aus meiner Sicht im Laufe der Zeit und mit fortschreitender Krankheit zunehmend überfordert. Da wurde die Oma am Ende auch mal angeschrien, weil es ihnen einfach über den Kopf wuchs.
Ich finde das tragisch, aber auch absolut menschlich. Es gehört 100% zum Thema Alzheimer dazu - passt aber sicherlich nicht in so einen hübschen, lustigen Film. Oder, Sherab? Kam solch ein Aspekt in dem Film vor?

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