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Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Buddhismus und buddhistische Praxis in allen Schulen und Richtungen

Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon caber » 18. Januar 2016 15:49

Als Mitarbeiter in einem Kriseninterventions-Team bin ich immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen Angehörige sich sorgen, ob es der plötzlich ohne Beichte Verstorbene wohl ins Himmelreich schaffe. - Fast regelmäßig höre ich dann von katholischen Pastoralassistenten und sogar von Priestern, Gott sei kein Buchhalter, sondern in seiner Liebe und Barmherzigkeit weitaus größer, als wir Menschen uns das vorstellen könnten. - Dies entlastet die Hinterbliebenen zumeist enorm, weil sie daraus entnehmen, dem Verstorbenen seien auch ohne jede "Gegenleistung" alle Sünden verziehen, womit ihm nach katholischer Lehrmeinung der Himmel offen steht.

Welch ungeheure Entwicklung hat da seit meiner eigenen katholischen "Sozialisierung" stattgefunden! Zu meinen Jugendzeiten hieß es noch: Gott ist ein gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft. Basta!

Als ich meine eigene Chancenlosigkeit vor dem Hintergrund des obigen Katechismusspruchs erkannt habe, habe ich mich dem Buddhismus - genauer: Amidismus - zugewandt. Ich habe diesen von Anfang an als unwiderrufliche Zusage der Hingeburt ins Reine Land (was immer das genau sein mag) verstanden - wenn ich mir dies bloß wünsche, einfach auf die Andere Kraft (tariki) vertraue und das Nembutsu sage - wissend, dass nicht einmal das meine eigenen Leistungen sind!

Auf diese Weise von einer enormen Last befreit, bin ich in den Folgejahren auf jeden Fall zu einem zufriedeneren, ausgeglicheneren und vielleicht auch "besseren" Menschen geworden...

Allerdings stören mich neuerdings zunehmend Versuche, die Großartigkeit des Ursprünglichen Gelübdes zu relativieren: Immer häufiger stoße ich auf Ansätze, die das "richtige" Vertrauen (shinjin) überproportional als Conditio sine qua non herausstellen - ganz so, als wäre die Fähigkeit zu vertrauen aus eigener Kraft (jiriki) beliebig vermehrbar...

Ich frage mich seither: Kann das im Sinne des "Erfinders" - der ja einen einfachen Weg wollte - sein? Gehen wir hier nicht sogar hinter das zurück, was inzwischen auch die "geistige Speerspitze" des Katholizismus proklamiert? - Nicht, dass ich hier zu einem Wettlauf mit katholischen Theologen aufrufen möchte; ich sehe vielmehr die befreiende Sprengkraft des Andere Kraft-Denkens in Gefahr...

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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon Ayu » 19. Januar 2016 22:34

Hallo caber,

ich hab keine Ahnung. Kenne mich weder mit Katholizismus noch mit Amidismus aus.

Aber Willkommen sag ich mal. :) :namaste:

Mögen alle Wesen die Ursachen des Glücks realisieren.
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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon voom » 20. Januar 2016 00:16

Ja, willkommen :) Wenn Du ein wenig mehr erzählst, können wir vielleicht aufdröseln, was Du meinst und durch einen Experten-Blick von Aussen was dazu sagen. (Als "Experten" für verschiedene Spielarten des tibetischen Buddhismus v.a.)
"Die tägliche Praxis des Dzogchen ist einfach das tägliche Leben selbst.
Wir sind aus uns selbst heraus erleuchtet und es fehlt uns nichts."

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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon caber » 20. Januar 2016 10:20

Ich habe keine Ahnung, wie authentisch und anerkannt das Ein-Seiten-Testament von Honen (http://www.teeweg.de/de/literatur/rikyu ... homon.html , ganz unten links) tatsächlich ist. Ich kann dazu nur sagen, dass mich das erstmalige Lesen dieses Textes existenziell erschüttert und befreit hat: Ja, so einfach ist es; nichts anderes ist dazu erforderlich! Danke, danke, danke...

Nichts anderes ist dazu von deiner Seite erforderlich; es wird dir vielmehr geschenkt - auch und sogar dann, wenn du ein schlechter Mensch bist! - Ziemlich genau das ist es auch, was inzwischen viele katholische Pastoralassistenten/Priester den Angehörigen von soeben Verstorbenen in der Praxis (und vielleicht sogar gegen die offizielle kirchliche Lehrmeinung) mitgeben. Ich erlebe das immer wieder und spüre den Trost und die Entlastung, die davon ausgehen.

Das innere "Wissen", dass es wirklich so einfach ist, will ich mir nicht durch Meinungen kaputtmachen lassen, die meinem Gefühl nach wie ein "Buchhalter" (im schlechten Sinn) darauf herumreiten, wie man denn nun dieses Vertrauen exakt zu gestalten hätte, damit "Erlösung" tatsächlich eintritt. Persönlich schwanke ich in diesem Vertrauen durchaus; ich weiß aber, dass ich immer wieder zu seiner Fülle durchbreche und dass mir auch das geschenkt wird: Ich habe nicht den Eindruck, dass ich selbst viel dazu beitragen kann...

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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon raterZ » 20. Januar 2016 11:05

caber hat geschrieben: Ja, so einfach ist es; nichts anderes ist dazu erforderlich! Danke, danke, danke...


was heißt hier nichts? das ist ein bisschen zu simpel in meinen augen. das ist eine form der praktis des glaubens, die überhaupt nicht einfach ist, denn kannst du diesen glauben bewahren in zeiten der krise und not? bist du dann immernoch ruhig und unerschütterlich?
wenn nicht, dann ist dein glauben schwach, und deine praxis taugt nichts. und du wirst auch nicht so einfach in das reine land von amithaba gelangen.

das steckt imo. hier drin: "Er sollte einfach wie eine ungebildete (unbelesene) alte Frau werden," - damit ist gemeint, dass man eben in sich ruhend, gefestigt und standhaft ist.

das ganze gibts analog tatsächlich im christentum.

das mit den katholischen priestern erschließt sich mir nicht. ich vermute mal, die erzählen das, weil es einfach schlecht ankommt zu sagen: "tjoah, ihr mann ist jetzt in der hölle. selbst schuld, hätte er mal an jesus geglaubt." :mrgreen:
die buchreligionen sind in ihren nacht-tod vorstellungen von offizieller seite recht primitiv. ich glaub wenn die sagen "gott barmherzigkeit ist groß", ist das nur leeres geschwurbel. es soll die hinterbliebenen trösten. nach offizieller lehrmeinung sind die verstorbenen dennoch verdammt ^^) - bzw. so verdammt, wie es die menschheit im gesamten eben ist.
die barmherzigkeit erwies gott nur durch jesus - NUR durch jesus. ich wiederhole es noch einmal: nur durch jesus.
das meinen die christen völlig ernst.



Ich frage mich seither: Kann das im Sinne des "Erfinders" - der ja einen einfachen Weg wollte - sein?

du schwankst in deinem glauben! zweifel schwächen ihn. es ist simpel, aber eben so simpel, dass es nicht einfach ist.
hoffentlich findest du da wieder heraus ;)
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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon caber » 20. Januar 2016 12:25

raterZ hat geschrieben:
caber hat geschrieben: Ja, so einfach ist es; nichts anderes ist dazu erforderlich! Danke, danke, danke...


was heißt hier nichts? das ist ein bisschen zu simpel in meinen augen. das ist eine form der praktis des glaubens, die überhaupt nicht einfach ist, denn kannst du diesen glauben bewahren in zeiten der krise und not? bist du dann immernoch ruhig und unerschütterlich?
wenn nicht, dann ist dein glauben schwach, und deine praxis taugt nichts. und du wirst auch nicht so einfach in das reine land von amithaba gelangen.


Genau das ist mein Thema!

Ich glaube nicht, dass wir die Leichtigkeit dieses Weges relativieren sollten, indem wir die "richtige Qualität" des Vertrauens zu sehr in den Focus rücken. Noch dazu, wo wir Vertrauen nur sehr bedingt aus eigener Kraft entwickeln können: Nicht umsonst spricht die Psychologie in diesem Zusammenhang vom Urvertrauen, das sich nur dort entfaltet, wo einem Baby Geborgenheit - als Geschenk und ohne jede Gegenleistung - zuteil wird.

Vertrauen? - Ja, selbstverständlich; so gut, wie wir es eben können! (Wer wirklich daran zweifelt, dass sein Vertrauen für Amidas Barmherzigkeit ausreicht, wird einen anderen Weg wählen.)

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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon voom » 20. Januar 2016 16:03

Es ist vielleicht ein wenig wie beim Dzogchen. Man hört, dass alles schon erleuchtet ist, immer schon war, seit anfangsloser Zeit. Dass man selbst ein Buddha ist, immer schon war. Es ist so einfach! Je mehr man mit diesem Wissen durch die Welt geht, umso mehr melden sich meist die Zweifel - und da beginnt die Übung, an diese reine Wahrnehmung anzuknüpfen, die einen kurz erfasst hat und diese mit allem in Verbindung zu bringen, das einem widerfährt.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Sache mit Amithaba genauso einfach ist, in ihrer Essenz. Beim ersten Kontakt damit ist man wie ein kleines Kind mit weit offenen Augen, aber auf dem Weg durch das Leben ist es nicht die Art des Vertrauens, die sich verändern muss, die bleibt gleich, man selbst verändert sich und meint, diese kindliche Offenheit kann doch nicht genug sein. Dann beginnt der Zweifel und die Übung, sich dieses Ursprüngliche zu bewahren.

In beiden Wegen scheint es mir aber einen "Trick" zu geben: Auch das vermeintlich "mindere" Vertrauen führt direkt zum "reinen Vertrauen" zurück. Auch die vermeintlich "unreine Wahrnehmung" ist als solche Ausdruck von ursprünglicher Erleuchtung. Der Kern von "Wahrnehmung" ist immer rein, der Kern von jedem Vertrauen ist immer rein...

Ich glaube so kann man an am Verstand vorbei immer wieder zum Wesentlichen zurückkommen....
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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon raterZ » 20. Januar 2016 17:43

ja dem stimme ich zu. mehr muss man dazu eigtl. gar nicht sagen - je mehr man dazu gibt, desto schwieriger wird es. also zurück zur einfachheit :namaste:
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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon caber » 20. Januar 2016 19:04

:)
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Re: Die Sprengkraft des Tariki-Denkens

Beitragvon Emaho » 22. Januar 2016 12:36

caber hat geschrieben:Ich habe keine Ahnung, wie authentisch und anerkannt das Ein-Seiten-Testament von Honen (http://www.teeweg.de/de/literatur/rikyu ... homon.html , ganz unten links) tatsächlich ist. Ich kann dazu nur sagen, dass mich das erstmalige Lesen dieses Textes existenziell erschüttert und befreit hat: Ja, so einfach ist es; nichts anderes ist dazu erforderlich! Danke, danke, danke...
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Mir ging es gestern abend auch so, als ich das Testament von Honen las - und heute morgen wieder: Es ist einfach wunderbar! Danke lieber caber dafür

Auch tut es mir gut, davon zu lesen, wie du in Deinem Vertrauen schwanken kannst aber immer wieder zurückfindest in die Fülle des Vertrauens.
Gerade am Wochenende sprach mein Meister von der Bedeutung des Vertrauens - zum Beispiel in Meister Atisha (dessen Text wir lernen) - und dass Meister Atisha eine Ausstrahlung des Buddha Amithaba sei. Genauso wie auch Guru Rinpoche.

Ich selbst bin immer wieder instabil in meinem Vertrauen. Aber indem ich immer wieder von neuem versuche zu vertrauen, stärke ich das Vertrauen. So stärke ich durch die Anstrengung, Vertrauen zu üben, obwohl ich es nicht gut kann, die Kraft des Vertrauens.
Vielleicht ist es so gemeint, wenn von der "richtigen Art des Vertrauens" die Rede ist.
Wer aber "ganz einfach" vertrauen kann, der braucht keine Belehrungen über die richtige Art des Vertrauens. Der vertraut einfach. Belehrungen braucht man ja eigentlich nur dann, wenn einem das Einfache zu einfach erscheint.

Die Geburt des einfachen Weges von Zen war, als der Buddha auf dem berühmten Geierberg DIE essentielle Lehrrede ankündigt hatte und dann „nur“ auf eine Blume zeigte. „Ist es wirklich so einfach?“ fragte etwa 20 Jahre später der Schüler Ananda den Meister Mahakashyapa, der damals, bei der historischen Lehrrede des Buddha als einziger beim Anblick der Blume freudestrahlend in ein Lächeln ausbrach. Meister Mahakashyapa antwortet daraufhin: „Geh und säge die Fahnenstange um!“

"Ist es wirklich so einfach?"
Geh und säge die Fahnenstange ab.
Geh und wasch deine Essschale.
Gieße das Wasser auf, warte bis der Tee sein Aroma entfacht hat, dann trink.
Sprich nur ein Wort - ein Mantra - und dein Geist ist gesund.
EMAHO!

"...In der Sphäre des Buddhakörpers sind zornvolle und friedliche Emanationen;
im melodischen Klang der Buddharede sind die zwölf Töne;
mein Geist, alles umarmend ist ohne Hindernis..."
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