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Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

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Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon Mork_der_Ork » 7. Juni 2016 00:16

Mich beschäftigt im Moment eine Frage. Ich habe erst relativ spät zum Buddhismus gefunden und habe zuvor viele meine Entscheidungen im Zustand der Unachtsamkeit getroffen. Ich war sehr gefühlsgesteuert und habe mich in entscheidenden Momenten im Leben anderen gegenüber schlicht unheilsam verhalten. Dadurch habe ich anderen und mir selbst viel unnötiges Leid verursacht. Heute bereue ich das, aber weiß natürlich, dass diese Entscheidungen jetzt unumgänglich sind. Das Karma ist gemacht. Auch wenn man sich vielleicht nicht so stark damit befassen sollte, weil man dadurch nicht im Moment lebt, sondern an vergangenem anhaftet, so interessiert es mich schon irgendwie, wie sich meine damaligen Entscheidungen in zukünftigen Reinkarnationen karmisch auswirken könnten. Gibt es da einen Unterschied, wie stark die karmischen Konsequenzen ausfallen können, wenn man noch sehr verblendet ist und z. B. nichts über den Buddhismus weiß, im Vergleich zu jemandem, der bereits mit der buddhistischen Lehre vertraut ist und dennoch unheilsam handelt? Spielt es eine Rolle, wenn man seine unheilsamen Handlungen aufrichtig bereut?

Liebe Grüße

Mork
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon Max » 7. Juni 2016 11:19

Deine Frage läßt sich nicht einfach beantworten. Daher könnte man das Thema Wiedergeburt folgendermaßen zusammenfassen: die einen sagen so, die anderen sagen so.

Fakt ist, du bist jetzt schon in deinen wiederkehrenden Gedankenkreisen gefangen, mit allen Vorstellungen, Gefühlen und den daraus resultierenden Folgen. Ob es zukünftige Existenzen geben wird, kann buddh. betrachtet nicht ausgeschlossen werden noch komplett abgelehnt werden. Was jedoch zählt ist erstmal diese Existenz. Es gibt in den Lehrreden Beispiele in den selbst z.B. Mörder den Befreiungsweg gegangen sind. Reue ist sicher ein Anfang im Sinne eines Erkenntnisprozesses, weiteres müßte folgen um u.a. Mitgefühl für andere und sich selbst dann entwickeln zu können.

Letztendlich ist das Themenfeld Karma und Wiedergeburt auf mehreren Ebenen der Lehrdarstellung zu betrachten. Auf der höchsten Ebene des tantr. Buddh. gibt es niemanden der Karma macht oder wiedergeboren wird. Solange aber ein persönliches Ich bereut und es anderes haben will als es ist, gibt es Vorstellungen die Kreisläufe befeuern.
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon Mork_der_Ork » 7. Juni 2016 13:35

Max hat geschrieben:Letztendlich ist das Themenfeld Karma und Wiedergeburt auf mehreren Ebenen der Lehrdarstellung zu betrachten. Auf der höchsten Ebene des tantr. Buddh. gibt es niemanden der Karma macht oder wiedergeboren wird. Solange aber ein persönliches Ich bereut und es anderes haben will als es ist, gibt es Vorstellungen die Kreisläufe befeuern.


Das mit der Reue ist eher so gemeint, dass ich denke, wäre ich nur früher mit der buddhistischen Lehre in Berührung gekommen, hätte ich vielleicht schon früher die Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Ich verstanden und hätte vielleicht weniger Leid verursacht. Was ich mich frage, wie es mit dem Karma aussieht, dass man vor der Erleuchtung angesammelt hat. Müsste sich dieses Karma dann nicht noch später irgendwie auswirken, evtl in diesem Leben oder in einem anderen? Ich habe es nämlich so verstanden, dass ein erleuchtetes Wesen kein Karma mehr macht, aber was ist mit dem Karma, dass dieses Wesen noch vor seiner Erleuchtung angesammelt hat? Buddha hat ja erst in der Mitte seines Lebens die Erleuchtung erfahren, aber was ist dann mit dem Karma, dass er davor gemacht hat, in seinem Leben als Siddharta? Wirkte sich dieses Karma ab dem Zeitpunkt der Erleuchtung nicht mehr aus?
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon Max » 7. Juni 2016 17:52

Hätte, hätte Fahrradkette … :wave:

Vergangene Handlungen können sich natürlich immer auswirken, klar. In meinem Beispiel von dem Gewaltverbrecher der Mönch geworden ist und Befreiung gefunden hat, wurde dieser später von einem seiner Peiniger gestellt und verletzt. Anderes Beispiel. Der Sohn von Siddhartha war Bhikku. Die Handlung mit seiner Frau ein Kind zu zeugen hatte dann also später die Folge, dass sein Sohn in seinem Orden war. Alles Binsenweisheiten. Auf der weltlichen Ebene war die Entscheidung von dem Buddha Haus und Hof zu verlassen evtl. eher von Nachteil für seine Untertanen. Wer weiß?! Andererseits für viele ein großes Glück. Die Folgen von Handlungen sind nicht determiniert.

Der Karmabegriff hat sich mit der Zeit und den unterschiedlichen Schultraditionen entwickelt. Karma hat neben allen Konnotationen auch einen gesellschaftlichen /religiösen Effekt, der für eine Staatsform immer von Vorteil ist.

Weiterhin gibt es unterschiedliche psychologisierende Auslegungen der Eso-Bewegung, die alle Karma Konzepte verschiedener Richtungen munter mixt. Das beeinflusst natürlich auch die Begriffsbestimmung in der Öffentlichkeit. * Karma is a bitch *

Vielleicht ist dieser Vortrag hilfreich: Zwischen Freiheit und Vorbestimmung: Aspekte der frühbuddistischen Karma Theorie.

https://www.buddhismuskunde.uni-hamburg ... murthi.pdf
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon voom » 8. Juni 2016 16:15

Es gibt eine Betrachtungsweise, nach der Karma deswegen mit der Erleuchtung keine Rolle mehr spielt, als dass es "niemanden mehr gibt" auf den es sich auswirken kann. Anders ausgedrückt ist Karma an das Ego gebunden. Ob das aber heisst, dass es für einen Buddha einfach nur unwichtig wird, was ihm widerfährt, oder ob dann tatsächlich das Ursache-Wirkungs-Gefüge ausser Kraft gesetzt wird?

Ich schätze mal, bei einem Buddha, der lehrt und der bestimmte Aufgaben hat, wird seine Aktivität nicht behindert durch altes Karma. Wenn man sich aber Milarepas Lebensgeschichte anschaut, scheint es sehr schwierig zu sein, zur Erleuchtung durchzudringen, bevor man nicht grobes Karma "gereinigt" hat. Aus Dzogchen-Sicht sollte das aber dennoch spontan möglich sein, zumindest theoretisch.
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon Max » 8. Juni 2016 18:29

voom hat geschrieben:Es gibt eine Betrachtungsweise, nach der Karma deswegen mit der Erleuchtung keine Rolle mehr spielt, als dass es "niemanden mehr gibt" auf den es sich auswirken kann. Anders ausgedrückt ist Karma an das Ego gebunden. Ob das aber heisst, dass es für einen Buddha einfach nur unwichtig wird, was ihm widerfährt, oder ob dann tatsächlich das Ursache-Wirkungs-Gefüge ausser Kraft gesetzt wird?


Das phänomenale ich verliert sich mit der Befreiung. Es gibt dann "niemanden" mehr der an karmische Prozesse anhaftet. Ich bin dafür das genauer zu definieren. Ich denke der Weisheitsaspekt wird an dieser Stelle als Handlungsmaxime wichtig. Auch ein befreites Wesen ist nicht fehlerfrei und ist in der Lage die Ergebnisse seine Handlungen wahrzunehmen und entsprechend seiner Möglichkeiten zu korrigieren. Damit sind karmische Prozesse immer noch möglich.

Ich schätze mal, bei einem Buddha, der lehrt und der bestimmte Aufgaben hat, wird seine Aktivität nicht behindert durch altes Karma. Wenn man sich aber Milarepas Lebensgeschichte anschaut, scheint es sehr schwierig zu sein, zur Erleuchtung durchzudringen, bevor man nicht grobes Karma "gereinigt" hat. Aus Dzogchen-Sicht sollte das aber dennoch spontan möglich sein, zumindest theoretisch.


Die Menschen sind verschieden, alles ist möglich. Vielleicht verbringen manche viel zu lange mit Reinigungspraktiken und kommen erst spät an den heißen Kern der Lehre. Oder andere finden keinen Zugang zu Lehren wie Dzogchen oder Mahamudra. Der Mönch aus meinem Beispiel, der zu Zeiten des Buddhas lebte und Befreiung verwirklicht hat, war ein abgrundtief finsterer Charakter ohne jegliche Skrupel, ein dutzenfacher Mörder. Der mußte sein Karma nicht reinigen sondern fand mit Hilfe des Praxiswegs des Buddha Freiheit und lebte dann als Yogi fernab der Sangha.
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon DeepSea » 29. Juli 2016 21:05

Lieber Mork,

vielleicht kann dir der folgende Gedanke eine Hilfe sein.

Ein Zusammenhang ist stets bezogen auf eine bestimmte Anschauung der Erscheinungen. Daher: Es gibt weder Ursache noch Wirkung. Daher: Es gibt weder Täter noch Handlung. Wer dennoch glaubt, Täter zu sein, muss auch leiden. Denn solange er sich als den Handelnden empfindet, wird er auch die Ergebnisse seines Tuns ernten. Das ist Abhängigkeit. Daher: Leg ab die Täterschaft, du bist nicht der Urheber deiner Handlungen. Daher: Jemand der anderen eine Freude bereitet, so jemandem kommt kein Verdienst zu, nicht ist dies ein Ausdruck von Tugend. Und jemand der anderen Leid zufügt, von so jemandem wird keine Sünde begangen, nicht ist dies ein Ausdruck von Unrecht. Die Konzepte von Freude, Verdienst, Tugend, Leid, Sünde, Unrecht usw. gibt es nur, solange du dich für den Täter hältst. Jedoch: Füge niemandem Leid zu! Denn dies kann nur verwirklichen, wer die Täterschaft aufgibt.

Liebe Grüße
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon voom » 30. Juli 2016 13:54

Anders ausgedrückt: Karma hört dann erst auf zu wirken, wenn man vollkommen vom Ego befreit ist. Denn auch eine Spur von Ego wirkt noch als Kondensationspunkt für Karma. Wer also aus Ego-Motiven hingeht, und sagt: ich kann alles tun, was ich will, ohne Konsequenzen - der wird volles Karma ernten. Wenn man aber vom Ego befreit ist, dann sehen die Dinge ganz anders aus. Eine Handlung kann dann vollkommen anders motiviert sein und wirken, als es auf den ersten Blick erscheint. Ich verstehe, dass es eine (v.a. typische Dzogchen/Nyingma) Methode ist, erst die Freiheit anzupreisen um dann die Einschränkungen nachfolgen zu lassen. Allerdings scheint es mir wichtig zu sein, auf die Zielgruppe zu achten. Die Hinweise darauf, wann diese Freiheit auch wirklich eintritt, dürfen m.E. nicht zu leise ausfallen.

In Bezug auf den Threadtitel: unachtsames Handeln wird wohl immer karmische Spuren hinterlassen, denn mit der Befreiung vom Ego ist die Gefahr von Ablenkungen eher gering, so dass Unachtsamkeiten kaum noch vorkommen.
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon chalee » 31. Juli 2016 17:27

" ...Methode ist, erst die Freiheit anzupreisen um dann die Einschränkungen nachfolgen zu lassen. Allerdings scheint es mir wichtig zu sein, auf die Zielgruppe zu achten. Die Hinweise darauf, wann diese Freiheit auch wirklich eintritt, dürfen m.E. nicht zu leise ausfallen."

voom, kannst du diese methode noch mal etwas anders benennen; würd mich jetzt auch mal interessieren
wie ist das gemeint, welche hinweise?
lg
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Re: Karmische Konsequenzen durch unachtsames Handeln

Beitragvon voom » 1. August 2016 13:07

Beim Dzogchen in der Nyingma Linie ist es üblich, die Freiheit des natürlichen Zustands in schillernden Worten anzupreisen. Wenn dann der Schüler interessiert ist, bekommt er die konkreten Unterweisungen vom Lehrer. In der Kagyü Linie werden mit der Beschreibung des Mahamudra-Zustands gleich einige Praxisanweisungen mitgeliefert. Trotzdem wird man nicht umhin kommen, sich dazu mit einem Lehrer zu verbinden. Nun geht diese Tradition auf eine Zeit zurück, wo man nicht im Internet 1001 und geheime Unterweisung frei Haus geliefert bekam. Viele Menschen haben Dzogchen oder Mahamudra verstanden, aber nicht verwirklicht und geben die Einsichten daraus wieder, wo es jeder lesen kann. Es ist nicht unbedingt gewährleistet, dass jemand das liest und dann den Weg zu einem Lehrer findet, der die Lehren auf den richtigen Sockel stellen kann. Eine Aussage wie "Samsara und Nirvana sind von der gleichen Buddhanatur" kann zu der Annahme führen, dass man tun uns lassen kann, was man will, ohne Konsequenzen. Das stimmt aber nicht. Wenn man diese Ebene nicht verwirklich hat, wirkt Karma. Also macht es Sinn, sich über die Notwendigkeit für ethisches Handeln und Bodhicitta bewusst zu sein. Die Freiheit des natürlichen Zustands tritt dann vollkommen ein, wenn man diese Ebene verwirklicht hat. Dann ergibt sich das richtige Verhalten, jenseits von Regeln und Konzepten, aus jedem Augenblick neu. Deswegen zeigen sich die Meister von Dzogchen und Mahamudra auch oft jenseits aller Konventionen, ob im alten Tibet oder heute im Westen.
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