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Dzogchen-Klassen (Enrico Kosmus)

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Dzogchen-Klassen (Enrico Kosmus)

Beitragvon voom » 5. Juni 2015 23:22

Dzogchen-Klassen

Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. Juni 2015
https://enricokosmus.wordpress.com/2015 ... n-klassen/

Die Lehren des Dzogchen werden in drei Kategorien eingeteilt. Die Geistklasse – sems sde (semde) – beinhaltet die Lehren zur Natur des Geistes, die Raumklasse – klong sde (longde) – die den Aspekt der Leerheit betonen und die Klasse der Herzensanweisungen oder geheimen mündlichen Instruktionen – man ngag gi sde (menngagde) – die die esoterischen Anweisungen sind. Diese drei Dzogchen-Klassen bilden unterschiedliche Ansätze zum selben Ziel, nämlich der Realisation der Natur des ursprünglichen Gewahrseins.

Semde – die Geistklasse

Die Geistklasse betont den Klarheitsaspekt des Geistes. Dieser Klarheitsaspekt – gsal ba (selwa) – ist die lichte, klar-deutlich Sichtbarkeit des natürlichen Zustandes. Besonders von den Dzogchen-Meistern Shri Singha und Vimalamitra wurde die Geistklasse betont. Diese Klasse entspricht auch der ersten Aussage von Garab Dorje: „Direkt in die eigene Natur eingeführt.“ (siehe „Tsig sum nedeg – drei entscheidende Worte“). Daher wird in dieser Kategorie der Dzogchen-Ansätze die direkte Einführung in die Natur des Geistes betont, einschließlich der Erklärungen zu diesem Zustand und den Methoden, diesen ursprünglichen Zustand des natürlichen Gewahrseins zu erkennen.

Die Praktiken der Geistklasse sind ähnlich den vier Yogas der Mahamudra, was zeigt, dass auch Milarepa mit diesen Lehren in Berührung gekommen ist und diese in die Kagyü-Tradition eingeflossen sind. Allerdings werden sie dort Einspitzigkeit (rtse gcig), Einfachheit (spros bral), von „einem Geschmack“ (ro gcig) und Nicht-Meditation (sgom med) genannt.

Die vier Yogas der Geistklasse des Dzogchen werden ebenfalls stufenweise praktiziert und beginnen mit Shamatha (zhi gnas) – ruhigem Verweilen oder dem Erlangen von geistiger Ruhe. Darauf folgt Vipassana (lhag mthong) – durchdringende Einsicht, dann „ungetrennte Ganzheit“ und schließlich „spontane Präsenz“ (lhun grub).

Nach Longchenpa gehören 21 Tantras zur Geistklasse. Die bekanntesten sind wohl der „Kuckuck des ursprünglichen Gewahrseins (rig pa’i khu byug)“, der „Flug des großen Garuda“ (khyung chen lding ba) oder das Kulayaraja-Tantra – kun byed rgyal po’i rgyud (künje gyalpo; „der alles erschaffende König“). Andere wiederum nennen 18 Tantras, die zu dieser Kategorie gehören. Von diesen 18 Dzogchen-Schriften wurden fünf vom großen Übersetzer Vairocana übersetzt, während die verbleibenden 13 von Vimalamitra übersetzt wurden. Allerdings wird das Kulayaraja-Tantra als das Wurzel-Tantra der Geistklasse angesehen.

Longde – Raumklasse

Die Raumklasse des Dzogchen betont die Leerheit (stong pa) oder die Weite (klong) bzw. Geräumigkeit des natürlichen Zustandes. Diese Weite beschreibt ein Fehlen einer Eigennatur, womit Leerheit gemeint ist. Die Raumklasse wurde von den Dzogchen-Meistern Shri Singha und Vairocana übermittelt. Die Raumklasse bezieht sich im Besonderen auf die zweite Aussage von Garab Dorje’s „Drei Worte, die den Punkt treffen“: „Man legt sich entschieden auf diesen Punkt fest.“

Die Praktiken der Raumklasse sind Übungen mit den vier Zeichen, die gleichzeitig praktiziert werden. Diese Praktiken dienen auch dazu, Zweifel über den Zustand des ursprünglichen Gewahrseins zu beseitigen.

Wesentliche Texte, die Raumklasse des Dzogchen gehören sind: „Der König des unendlich weiten Raumes“ (klong chen rab ‘byams rgyal po) oder „Vajrasattva gleich den Grenzen des Raumes“ (rdo rje sems dpa’ nam mkha’i mtha’ dang mnyam pa). Von diesen zehn bis zwölf Haupttexten gilt „Der König des unendlich weiten Raumes“ als das grundlegende Werk.

Mengagde – die Klasse der Kernanweisungen

Die Upadesha-Klasse (man ngag sde) ist die Kategorie der Herzensanweisungen und wird häufig auch als Klasse der geheimen, mündlichen Anweisungen bezeichnet. Diese Klasse teilt sich in zwei Kategorien: 1) Trekchö (khregs chod), das Durchtrennen der Festigkeit, das mit der ursprünglichen Reinheit (ka dag) des natürlichen Zustandes verbunden ist und 2) in Thögal (thod rgal), dem Durchspringen, das sich auf die spontane Präsenz (lhun grub) des natürlichen Zustandes bezieht.

Als Protagonisten der Upadesha-Klasse gelten Padmasambhava, Vairocana und Vimalamitra. Die Zusammenstellung der Dzogchen-Lehren in die drei Klassen wurde von Manjushrimitra vorgenommen. Von vielen Lehrern wird die Upadesha-Klasse den beiden anderen Dzogchen-Klassen als überlegen angesehen. Daher wurden in den letzten Jahrhunderten die Dzogchen-Lehren meist über diese Kategorie vermittelt.

Die Upadeshas werden auch als „snying thig“ – Herzessenz – bezeichnet. Ähnlich dem Zen, wobei sich dieses allerdings auf der Sutra-Ebene bewegt, wird in der Upadesha-Klasse formlose Meditation praktiziert. In den Kategorien von Grund, Pfad und Frucht ist nach Chokgyur Lingpa’s Dzogchen Desum – die drei Klassen des Dzogchen – der Grund der Zustand der völligen uranfänglichen Reinheit, der Pfad ist Trekchö und die Frucht ist die Art und Weise, in der die vier Stufen der Visionen beim Thögal erscheinen.

Bei den Upadeshas gibt es vier Zyklen: einen äußeren, inneren, geheimen und innersten unübertroffen Zyklus. Die vierte Kategorie der Upadeshas enthält 17 Tantras, von denen das „Widerhall des Klanges“ (sgra thal ‘gyur) das wichtigste ist.

Trekchö & Thögal

Die Praktiken von Trekchö und Thögal sind mit den zwei Buddhakayas verbunden. Durch die Praxis von Trekchö wird der Dharmakaya erlangt und durch Thögal wird der Rupakaya – der Formkörper eines Buddhas – verwirklicht.

Trekchö bedeutet das Durchtrennen von dem, was als fest oder substanziell angesehen wird. Indem man die Sicht von der Essenz des Geistes – Leerheit – realisiert, wird durchtrennt. Auf diese Weise wird das Anhaften an eine Selbstidentität durchtrennt und der Wahrheitskörper eines Buddha – der Dharmakaya – realisiert. Sobald das geschehen ist, versteht man die vorhandene Natur als selbsterscheinend (rang byung), selbstgereinigt (rang dag) und selbstbefreit (rang grol). Man hat zwei Erkenntnisse auf dieser Stufe. Man erkennt die uranfängliche Reinheit der eigenen Natur und man erkennt die Reinheit des manifesten Ausdrucks der eigenen Natur.

Thögal ist das direkte Durchqueren oder auch der unmittelbare Zugang zu unserer lichthaften Natur. Die unzerstörbaren Energien, die auch die fünf Lichter genannt werden, befinden sich im Herzzentrum und diese Lichter sind mit den sechs Lampen verbunden. Durch die Praxis der sechs Lampen treten die vier Erscheinungen oder Visionen auf, wodurch zunächst Regenbogenlichter, Vajra-Ketten aus Regenbogenlicht und schließlich Weisheitsgottheiten erblickt werden, die sich alle dann in den Zustand der letztendlichen Natur der Phänomene auflösen.

Auf diese Weise löst sich das Festhalten an einer Festigkeit von Phänomenen und wenn ein Praktizierender stirbt, dann löst er sich in Licht auf und kein materieller Körper bleibt zurück. Das wird auch als die „Große Übertragung in den Regenbogenkörper“ bezeichnet. Man kann dieses Resultat auch zu Lebzeiten realisieren und die Befreiung in einen Körper aus Licht erlangen. Das äußerliche Weisheitsleuchten löst sich am Ende des Lebens dann in das innewohnende Weisheitsleuchten auf und man kann die Entscheidung treffen, in den jugendlichen Vasenkörper der angeborenen Lichtheit einzutauchen oder eine bewusste Wiedergeburt oder Emanation zur Hilfe der fühlenden Wesen anzunehmen. Die Vorzüge dieser Praxis werden in den Lehren zu den Qualitäten der Pfade immer wieder eingehend beschrieben.

Grund, Pfad & Frucht

Nach Jigme Lingpa beschreibt die Sicht der geheimen, mündlichen Anweisungen in einem Gebet über Grund, Pfad und Frucht: „Da seine Essenz Leerheit ist, ist es frei vom Extrem des Eternalismus. Da seine Natur Klarheit ist, ist es frei vom Extrem des Nihilismus. Da sein Mitgefühl unaufhörlich ist, ist es die Grundlage verschiedener Manifestationen. Diese sind getrennt als drei, in ihrer Bedeutung aber untrennbar. Möge ich den Zustand der Grundlage der Großen Vollkommenheit verwirklichen.“
"Die tägliche Praxis des Dzogchen ist einfach das tägliche Leben selbst.
Wir sind aus uns selbst heraus erleuchtet und es fehlt uns nichts."

(Dilgo Khyentse Rinpoche)
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