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Missempfinden bei Achtsamkeit

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Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon leuchtkraft » 1. November 2015 11:51

Ich arbeite in der ambulanten Sozialpsychiatrie und habe mehrere Jahre Achtsamkeit geübt. Es gibt eine Achtsamkeitsübung, die mir hilft von meinen Gefühlen mehr Abstand zu haben und nicht von ihnen überschwemmt zu werden. Man beobachtet dabei den Körper, die Gedanken, die Gefühle und am Schluss dass man sich selbst beobachtet. Eine Klientin wollte die Übung von mir lernen. Es ist eine reine Beobachtungsübung und hat eigentlich nichts mit Energie zu tun.

Die Klientin neigt nicht zu Psychosen, sie hat Depressionen und eine Tendenz zu selbstverletzendem Verhalten und sagte, sie könne schon seit längerer Zeit nichts mehr fühlen. Ihre Trauer habe sie unterdrückt.
Vorgeschichte: Trauer durch Verlust. Sie hat Angst von Trauergefühlen überschwemmt zu werden, deshalb diese Übung.

Es ist dabei ein Problem aufgetreten und ich hoffe dass mir hier jemand helfen kann:

Nach der Übung, schilderte mir die Klientin, ihr Oberkörper fühle sich an, als sei sie in einen Ameisenhaufen gefallen. Alles Kribbelte auch das Gesicht, so dass sie anfing sich zu kratzen. Kribbeln ist an sich kein gefährliches Gefühl. Da die Klientin jedoch zu selbstverletzendem Verhalten neigt, ist das Kratzen als bedenklich anzusehen. Sie sagte, sie nähme das Kribbeln als Energie war, die sich in ihrem Oberkörper staue und nicht zu ihren Beinen durchkommen würde. Ich bot ihr nämlich an mit der Aufmerksamkeit in die Füße zu gehen, weil ich dachte, sie hätte vielleicht ein Erdungsproblem. Das ging aber nicht, weil sie die Beine und Füße nicht spüren konnte (durch den Energiestau, wie sie sagte).
Nach einem Spaziergang und kaltem Wasser, was sie sich über die Oberarme laufen ließ, hörte das Kribbeln schließlich, nach längerer Zeit aber erst, auf.

Ich bin dem gegenüber völlig ratlos, möchte mir aber Hilfe einholen, bevor ich die Übung mit der Klientin weiter fortführe. Von der Übung ansich ist die Klientin begeistert, nur das Kribbelphänomen sei sehr unangenehm gewesen

Vielleicht hat sich die Trauer körperlich manifestiert? Aber wie gehe ich künftig damit um? Wem fällt etwas ein? Bin für jede Hilfe dankbar!

LG leuchtkraft
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon voom » 1. November 2015 13:39

Hallo leuchtkraft,

erstmal herzlich willkommen! :) Die Frage ist spannend, aber auch etwas knifflig, weil sie sich am Rande dessen bewegt, was man als Laie noch beantworten kann. Zunächst mal fällt mir dazu ein, dass die mögliche Wirkung einer reinen Beobachtungsübung oft unterschätzt wird. Unsere gesamte Kultur scheint auf Ablenkung und Verdrängung ausgerichtet zu sein so dass man, wenn man anfängt, sich still auf sich selbst auszurichten, schnell in unbekanntes Terrain bewegt. Besonders der Fokus auf "sich selbst" ist dann schon eine fortgeschrittene spirituelle Übung, die bei einem psychisch nicht gesunden Menschen auch nach hinten losgehen könnte. Denn die "Dekonstruktion des Ich" sollte immer von einem gesunden, in der Welt verankerten "Ich" ausgehen.

Vielleicht hilft es schon, die Übung etwas zu entschärfen und ihr einen stabilisierenden Rahmen zu geben. Also z.B. zuerst für einen "sicheren Raum" zu sorgen und eine Möglichkeit zu schaffen, überschüssige Energie an die Umwelt abzugeben und stabilisierende Energie aufzunehmen. (Das hat jetzt wenig mit Buddhismus zu tun, das kommt eher aus Erfahrungen mit Energiearbeit) Ein Beispiel zur Veranschaulichung, das aber nicht wörtlich genommen werden muss. Es ist eher an die individuelle Person anzupassen. Wenn die Person sich z.B. in der Natur wohlfühlt, dann könnte man sich vorstellen, auf einer Wiese vor einem grossen alten Baum an einem Fluss oder Bach zu sitzen. Dort macht man die Übung, aber unter der Prämisse, dass man jederzeit die Möglichkeit hat, überschüssige Energie an die Natur abzugeben und ausgleichende Energie von der Natur zu nehmen. So wie die Natur Dünger zu neuem Leben verarbeitet, ist für sie die dunkle Energie, die mit Depressionen usw. einher geht, einfach nur Nahrung und sie gibt gerne ausgleichende Energie an den Menschen im Austausch zurück. Das Wasser aus dem Bach kann man auch verwenden, ganz so wie Du es über das reale Leben oben beschrieben hast, um sich zwischenzeitlich zu erfrischen. Dann den Rahmen so gestalten, dass die Übung jederzeit abgebrochen werden kann. Dass man also nicht unbedingt den ganzen Zyklus Körper, Gefühle, Gedanken durchlaufen muss, sondern beim Anzeichen von inneren Widerstand nie so weit gehen, dass es richtig unangenehm wird. Immer nur die Grenzen leicht dehnen, nicht überschreiten. Die Achtsamkeit auf das "Ich" wie gesagt würde ich in so einem Fall erstmal ganz weglassen. Wenn die Übung beendet wird, nimmt man die neue Kraft aus dem sicheren Raum mit in die Welt und fühlt die Natur als lebendigen Verbündeten, egal ob man sie gerade aufsuchen kann oder nicht.
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon raterZ » 1. November 2015 14:16

ehrlich gesagt halte ich sowas für ein gutes zeichen. scheint veränderung ins (energie)system zu kommen, was sich durch solche symptome bemerkbar machen kann.
theoretisch können alle möglichen angenehmen und unangenehmen gefühle auftauchen. wichtig ist sie nicht zu bewerten und wegdrängen zu wollen, sondern einfach nur weiter zu beobachten.

vipassana reinigt auch sehr stark den energiekörper. auf einem längeren retreat bekam ich durch vipassana eine kundalini aktivierung. also das ist alles nicht zu unterschätzen, wie voom das schon anmerkte ;)
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon voom » 1. November 2015 14:30

raterZ hat geschrieben:ehrlich gesagt halte ich sowas für ein gutes zeichen. scheint veränderung ins (energie)system zu kommen, was sich durch solche symptome bemerkbar machen kann.
theoretisch können alle möglichen angenehmen und unangenehmen gefühle auftauchen. wichtig ist sie nicht zu bewerten und wegdrängen zu wollen, sondern einfach nur weiter zu beobachten.

Das sehe ich grundsätzlich auch so; nur muss man berücksichtigen, dass je stärker eine psychische Störung ist, das Verhältnis zwischen dem, was ausgelöst werden kann und der Fähigkeit, damit umzugehen, gegenläufig proportional verläuft. Auch erfordern vermeintlich einfachere Übungen oft mehr geistige Stabilität, als vermeintlich überladene Übungen. Und ein "geschwächtes Ich" braucht andere Übungen, als ein "stabiles Ich". Es wird deswegen oft gesagt, dass der Buddhismus da anfängt, wo die Psychotherapie aufhört. Man muss erstmal auf eigenen Beinen stehen können, bevor man sich mit dem Laufen befasst. Eine Ausnahme bilden vielleicht bestimmte Bereiche des buddhistischen Tantra, die in ihrer Art eher psychologischer Natur sind.

Was ich noch ergänzen wollte: die Erweiterung der Übung oben ist ja im Prinzip ein bischen sowas wie "umgedrehtes Tonglen", hier zeigt sich auch wieder der Unterschied zwischen "stabilem Ich" und "geschwächtem Ich": wenn man stabil ist, würde man Negativität aufnehmen, in sich umwandeln und Positives an die Welt zurückgeben. Das löst u.a. Ängste auf und ist karmisch günstig. Ist man aber überängstlich oder geschwächt, kann das nach hinten losgehen. Die Fähigkeit, die Negativität umzuwandeln wird vielleicht zu stark angezweifelt, man hat weiterhin vielleicht das Gefühl, nichts zu geben zu haben. Also stärkt man erstmal sich selbst, bis man sich sicher fühlt und vielleicht anfangen kann, sich in Richtung "Überschusshaltung" zu bewegen.
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon raterZ » 1. November 2015 20:46

stimmt. die frau hat aber keine psychose sondern nur eine depression. also ich denke ihr "ich" ist schon relativ in ordnung, wie sich das anhört - nur eben auf falschen lebensbahnen.
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon voom » 1. November 2015 22:24

raterZ hat geschrieben:stimmt. die frau hat aber keine psychose sondern nur eine depression. also ich denke ihr "ich" ist schon relativ in ordnung, wie sich das anhört - nur eben auf falschen lebensbahnen.

"Nur" eine Depression in dem genannten Kontext finde ich nicht treffend formuliert. Wenn Gefühle derart stecken bleiben überlagert das alles Empfinden und man steht innerlich sehr unter Druck. Deswegen finde ich dass ergänzend eine Methode dabei sein sollte, diesen Druck anders auszugleichen als durch Selbstverletzung.
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon leuchtkraft » 1. November 2015 23:04

Liebe Praktizierende
Erstmal vielen Dank für die vielen schnellen Antworten.

Um einige Missverständnisse zu klären: Ich schrieb absichtlich von "Achtsamkeit" und nicht vom Buddhimus. Ich habe bewußt keine Meditation auf das "Ich" oder "Nicht-Ich" angeleitet. Ich würde dem auch generell abraten, bei psychisch labilen Menschen. Deshalb habe ich eben nur auf den Körper, die Gefühle und Gedanken beobachten lassen. Ich bin selbst therapieerfahren und die buddhistische Psychologie mit ihrer Achtsamkeitspraxis losgelöst von der Religion, hat mir viel bei meiner Genesung geholfen. Davon hatte ich der Klientin erzählt, die darauf hin neugierig auf eine Übung wurde. Es kam hier der Tipp auf die Empfindung eine Empfindung sein zu lassen. ja im Prinzip ist das die Übung. Ich finde das aber bei einem Hautjucken schon eine sehr fortgeschrittene Übung, dann nicht zu kratzen. Und da die Klientin wie gesagt zu selbstverletzendem Verhalten neigt, wozu Kratzen auch gehört, würde ich gerne einen anderen Weg finden mit dem Kribbeln umzugehen. Aber einige gute Anregungen waren ja schon dabei. Vielen Dank schonmal. :rabbit:

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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon leuchtkraft » 1. November 2015 23:08

voom hat geschrieben:
raterZ hat geschrieben:stimmt. die frau hat aber keine psychose sondern nur eine depression. also ich denke ihr "ich" ist schon relativ in ordnung, wie sich das anhört - nur eben auf falschen lebensbahnen.

"Nur" eine Depression in dem genannten Kontext finde ich nicht treffend formuliert. Wenn Gefühle derart stecken bleiben überlagert das alles Empfinden und man steht innerlich sehr unter Druck. Deswegen finde ich dass ergänzend eine Methode dabei sein sollte, diesen Druck anders auszugleichen als durch Selbstverletzung.


Die Diagnose habe nicht ich ihr gegeben, sondern sie sich selbst ;-) Ich arbeite soweiso mit dem subjektuiven Erleben meiner Klienten und nicht mit Diagnosen. Diagnosen sind ein Stempel für irgendwas. Menschen sind viel zu individuell für Diagnosen. Diagnosen können immer nur eine Idee liefern, das ist meine Erfahrung. Aber zurück zur Klientin, ja genau mit dem Druck muss ausgleichend umgegangen werden, aber wie?
Welche Mögloichkeiten gibt es da?

Das ist genau die Frage! :angel:

P.S:Selbstverletzt hat sie sich aber schon immer, schon als Kind, sie hat nie gelernt mit Gefühlen umzugehen. Also das hat mit der Trauer jetzt nicht unbedingt etwas zu tun, jedenfalls nicht direkt.

LG leuchtkraft
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon voom » 2. November 2015 00:07

Um einige Missverständnisse zu klären: Ich schrieb absichtlich von "Achtsamkeit" und nicht vom Buddhimus. Ich habe bewußt keine Meditation auf das "Ich" oder "Nicht-Ich" angeleitet.

Das klang so, bei Deiner Beschreibung der Übung:
"Man beobachtet dabei den Körper, die Gedanken, die Gefühle und am Schluss dass man sich selbst beobachtet."
Im Grunde sind ja auch Körper, Gedanken und Gefühle Aspekte des Selbst. Daher habe ich den letzten Teil auf den Kern des Selbst bezogen, wo die Beobachtung zwangsläufig dazu führt, sich damit auseinander zu setzen. Dass Du damit nicht buddhistisch arbeiten wolltest, habe ich verstanden. :)

leuchtkraft hat geschrieben:Welche Mögloichkeiten gibt es da?

Das ist genau die Frage! :angel:

Was ich dazu an Anregungen habe, habe ich oben in meiner ersten Antwort geschrieben: den Energieaustausch mit der Natur sowohl im realen Leben als auch als Basis einer Visualisierungspraxis. Der Druck lässt nach, wenn man das, was zu viel ist, an die Natur abgibt - das trainiert auch die Bereitschaft, die festgehaltenen Gefühl loszulassen. Gleichzeitig lässt die Natur Kraft zurückfliessen, die die innere Leere wieder füllt. Da Du beschrieben habe, dass ein Spaziergang und Wasser geholfen haben, dürfte der Zugang dazu leicht sein, das auch in der inneren Welt so zu machen. Ich würde das Kribbeln gar nicht fokussieren. Wenn die Übung im sicheren Rahmen und mit den zusätzlichen Möglichkeiten gemacht wird, sollte es sehr schnell gar nicht mehr oder nur noch sehr schwach auftreten. Ich teile raterZs Meinung, dass das lediglich vorübergehende Reinigungserscheinungen sind. Die Übung sollte man beenden, bevor es sich voll manifestiert.
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Re: Missempfinden bei Achtsamkeit

Beitragvon leuchtkraft » 2. November 2015 10:54

Neee, ich habe beobachten lassen, dass man sich beobachten kann :-) Wenn ich das mache, werde ich innerlich immer ganz weit. Ich dachte , das wäre bei ihr vielleicht auch so.

Danke für die Anregungen. Finde ich sehr nachvollziehbar, die Tipps mit der Natur und ich denke, da kann meine Klientin sehr viel mit anfangen! :perfect:

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