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Säkulare Ethik

Buddhismus und buddhistische Praxis in allen Schulen und Richtungen

Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Buddhaghosa » 28. Oktober 2015 21:10

voom hat geschrieben:Eine Grundfrage wäre noch, ob ein Gesetz eine Ethik ist, da hier notfalls auch blos aus Angst vor dem Gesetzgeber gehandelt wird und nicht aus innerer Überzeugung. .


Was ist dann mit dem Buddhismus. Ist dann sowohl Gesetz und Ethik. Viele im Buddhismus - wenn nicht die meisten - handeln auch nur aus Angst vor dem Karma ethisch.

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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon raterZ » 28. Oktober 2015 21:48

in meinen augen ist dieses bemühen nur wieder darauf begründet, dass er die meisten menschen der welt für völlig verwirrt hält und buddhistische praxis eh schon viel zu hoch wäre. deshalb der fokus auf die ethik, um heilvolleres karma für zukünftigere zeiten zu schaffen. ich interpretiere das, dass er den karren für zu sehr im dreck stecken sieht, als dass man ihn einfach wieder heraus bekommen könnte ;)

ich bleibe dabei kein fan von diesem säkularen zeug zu sein - und den buddhismus auf ethik zu reduzieren. das führt nämlich nicht zu befreiung.
aber er baut ja eh nur darauf auf, dass der dharma zukünftig untergehen wird.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 29. Oktober 2015 07:53

raterZ hat geschrieben:in meinen augen ist dieses bemühen nur wieder darauf begründet, dass er die meisten menschen der welt für völlig verwirrt hält und buddhistische praxis eh schon viel zu hoch wäre. deshalb der fokus auf die ethik, um heilvolleres karma für zukünftigere zeiten zu schaffen.


Da gebe ich Dir recht raterZ. Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass es ihm wohl sehr darauf ankommt, die Menschen, die nichts mit Religion zu tun haben wollen, die sich aber trotzdem Gedanken über einen tieferen Sinn des Lebens machen, überhaupt zu erreichen. Die erreicht man nämlich nicht, wenn man versucht, im Namen des Buddhismus zum Beispiel die 4 edlen Wahrheiten erklären zu wollen. Die können schon mit der ersten edlen Wahrheit nichts anfangen.

raterZ hat geschrieben:ch bleibe dabei kein fan von diesem säkularen zeug zu sein - und den buddhismus auf ethik zu reduzieren. das führt nämlich nicht zu befreiung. aber er baut ja eh nur darauf auf, dass der dharma zukünftig untergehen wird.


Den letzten Satz verstehe ich nicht. Wieso sollte der Dalai Lama darauf bauen, dass der dharma zukünftig untergehen
wird ?

P.S. Wieso wurde gerade dieses Thema in den Bereich "Offenes Buddhismus Forum" verschoben ?
Säkulare Ethik soll sich doch gerade vom Buddhismus und andere Religionen abgrenzen.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Tobias » 29. Oktober 2015 12:43

Sherab Yönten hat geschrieben:

P.S. Wieso wurde gerade dieses Thema in den Bereich "Offenes Buddhismus Forum" verschoben ?
Säkulare Ethik soll sich doch gerade vom Buddhismus und andere Religionen abgrenzen.


Hallo Sherab,
wir haben ja hier nicht so viele Bereiche im Forum. Eine genaue Abgrenzung der Themen ist deshalb manchmal schwierig-

Dieses Thema ist für mich a) keine Anfängerfrage b) keine persönliches Thema ist da blieb dann nur noch dieser Bereich übrig.

Liebe Grüße
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 29. Oktober 2015 13:00

Da das Thema vom Dalai Lama ausgeht fänd ich jetzt "Alles und Nichts" als Forum nicht so passend, vorher war es ja Teil des Threads "Sinn des Lebens" im Anfängerbereich...
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 30. Oktober 2015 08:17

voom hat geschrieben:Eine Grundfrage wäre noch, ob ein Gesetz eine Ethik ist, da hier notfalls auch blos aus Angst vor dem Gesetzgeber gehandelt wird und nicht aus innerer Überzeugung. Ich denke es lohnt sich - philosophisch gesehen - zwischen innerer Überzeugung oder natürlicher Empfindung und gesellschaftlichen Konventionen zu unterscheiden.


Im Falle von Inzest zwischen Geschwistern hat die deutsche und die europäische Rechtssprechung geurteilt, dass es ein Verstoß gegen die Verfassung sei, wenn zwei Geschwister als Paar zusammen leben. Der Deutsche Ethikrat hat dagegen die Auffassung vertreten, dass es ethisch nicht verwerflich sei. Im konkreten Beispiel, was gestern bei Scobel gezeigt wurde, ging es darum, dass sich ein Paar ineinander verliebt hatte und man im Nachhinein festgestellt hatte, sie sind Geschwister.
Beide wurden nach der Rechtssprechung verurteilt und bestraft (!) obwohl sie niemandem einen Schaden zugefügt hatten (sie waren kinderlos), weil es ein gesellschaftlicher Tabubruch war. Das Beispiel zeigt, dass Rechtssprechung und Ethik sich nicht immer 1:1 übertragen lassen. Auch wenn das Grundgesetz viele ethische Gesichtspunkte beinhaltet, ist es manchmal aus der Perspektive der Ethik fragwürdig.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 30. Oktober 2015 12:48

In der Richtung gibt es viele Beispiele, wo Gesetze aus "gefühlten ethischen Gesichtspunkten" sehr fragwürdig sind, auch bei uns. Man würde sich dann wünschen, dass alle Richter wirklich weise und mitfühlend entscheiden und dazu mehr Ermessensspielraum hätten. Aber weil das nicht so ist, ist vielleicht gut, wenn der Spielraum nicht so gross ist, weil es sonst auch schnell in Willkür ausarten kann.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon raterZ » 30. Oktober 2015 22:08

Sherab Yönten hat geschrieben:Da gebe ich Dir recht raterZ. Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass es ihm wohl sehr darauf ankommt, die Menschen, die nichts mit Religion zu tun haben wollen, die sich aber trotzdem Gedanken über einen tieferen Sinn des Lebens machen, überhaupt zu erreichen. Die erreicht man nämlich nicht, wenn man versucht, im Namen des Buddhismus zum Beispiel die 4 edlen Wahrheiten erklären zu wollen. Die können schon mit der ersten edlen Wahrheit nichts anfangen.

stimmt, aber er ist eben nicht einfach nur irgendein philosoph, sondern der anführer einer religösen gemeinschaft, also einer bedeutenden schule des buddhismus. optimalerweise würde er schon den dharma lehren, oder nicht? :D

raterZ hat geschrieben:Den letzten Satz verstehe ich nicht. Wieso sollte der Dalai Lama darauf bauen, dass der dharma zukünftig untergehen
wird ?

weil das zum kalachakra tantra und auch zu anderen mystischen anschauung auch dazu gehört, dass die degeneration der menschen immer stärker wird, bis der dharma verloren geht.
das ist übrigens eher im kontrast zu den heilslehren der christen/juden/muslimen, die diese degenerierten zeiten schon immer im jetzt sahen/sehen und auf künftige goldene zeitalter hoffen.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 31. Oktober 2015 11:49

raterZ hat geschrieben:optimalerweise würde er schon den dharma lehren, oder nicht?


Natürlich würde er das. Allerdings hat doch sogar der Buddha in den verschiedenen "Drehungen des Rades" verschiedene Menschen, je nach ihren "Fähigkeiten" (@ Florian: Bitte nicht abwertend interpretieren !), angesprochen. Was spricht also gegen eine differenziertere Sichtweise ? Um die säkularen Menschen anzusprechen braucht es also keinen buddhistischen Überbau.

raterZ hat geschrieben:weil das zum kalachakra tantra und auch zu anderen mystischen anschauung auch dazu gehört, dass die degeneration der menschen immer stärker wird, bis der dharma verloren geht


Kann sein, dass das zum kalachakra Tantra gehört. Trotzdem verstehe ich nicht warum du schreibst, der Dalai Lama "würde darauf bauen, dass der Buddhismus untergeht" Man spricht von "Degeneration des Buddhismus" ja schon seit mehreren Jahrhunderten, das ist keine Erfindung der Neuzeit oder gar des "westlichen" Buddhismus.
Zuletzt geändert von Sherab Yönten am 31. Oktober 2015 12:04, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 31. Oktober 2015 11:58

Buddhaghosa hat geschrieben:Viele im Buddhismus - wenn nicht die meisten - handeln auch nur aus Angst vor dem Karma ethisch


Ist das so ? Ich dachte sie handeln aus einer tieferen "Einsicht" heraus und nicht aus Angst.

Buddhaghosa hat geschrieben:
Sherab Yönten hat geschrieben: ("Du sollst nicht töten" -christlich, "ich gelobe mich darin keine Wesen zu töten - buddhistisch "


Ich bin jemand, der da ja keinen Unterschied sieht.

Gruß
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Auch hierzu nochmal: Soweit ich weiß beziehen die Christen das Tötungsverbot ausschließlich auf den Menschen. Wer als Christ eine Fliege tötet, der kommt trotzdem in den Himmel. Es hat keine Auswirkungen.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Buddhaghosa » 1. November 2015 10:02

Moin,

Sherab Yönten hat geschrieben:
Buddhaghosa hat geschrieben:Viele im Buddhismus - wenn nicht die meisten - handeln auch nur aus Angst vor dem Karma ethisch


Ist das so ? Ich dachte sie handeln aus einer tieferen "Einsicht" heraus und nicht aus Angst.


Ich bin da skeptisch, Mehrheit und "tiefere Einsicht" passt für mich grundsätzlich schon einmal nicht zusammen. Ich würde es erweitern: es ist die Angst vor der Hölle und die Gier nach den Götterwelten, die Karma für die Allgemeinheit interessant macht.

Und gerade der Glaube an Karma und Wiedergeburt begründet doch die buddhistische Ethik, oder? Und wie kann man das Säkularisieren?

Sherab Yönten hat geschrieben:
Buddhaghosa hat geschrieben:
Sherab Yönten hat geschrieben: ("Du sollst nicht töten" -christlich, "ich gelobe mich darin keine Wesen zu töten - buddhistisch "


Ich bin jemand, der da ja keinen Unterschied sieht.


Auch hierzu nochmal: Soweit ich weiß beziehen die Christen das Tötungsverbot ausschließlich auf den Menschen. Wer als Christ eine Fliege tötet, der kommt trotzdem in den Himmel. Es hat keine Auswirkungen.
Im Buddhismus ist es weitgehender, es bezieht sich auf alle fühlenden Wesen.


Ja, das ist wohl richtig. In meinem Kopf nahm ich stillschweigend Bezug auf die unterschiedlichen Formulierungen - "du sollst" gegen "ich gelobe mich" -, die für mich in ihrer Konsequenz keinen Unterschied machen.

Gruß
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Buddhaghosa » 1. November 2015 10:32

Ich habe mir jetzt Sherabs Link http://www.tibethaus.com/programm/studi ... -2014.html und ein paar andere Seiten durchgelesen. Richtig schlau bin ich daraus nicht geworden. Kann man wohl aber nach einer so oberflächlichen Beschäftigung auch nicht erwarten. In dem Link heißt es:

http://www.tibethaus.com/programm/studium-buddhismus/studienprogramm-ethik-2014.html hat geschrieben:Aufbauend auf den Gedanken des Dalai Lama zu einer von ihm "säkular" genannten Ethik, die nicht gegen sondern alternativ oder ergänzend zu religiösen Modellen gemeint ist, sollen in neun Wochenendveranstaltungen zentrale ethische Themenkomplexe beleuchtet und vertieft werden. Diese Ethik orientiert sich nicht an einem starren äußeren Rahmen, an vorformulierten Dogmen. Sie ist erfahrungsorientiert und fußt auf buddhistischen Grundprinzipien...


Wenn sie auf buddhistischen Grundprinzipien fußt, wie ist dann die Ethik säkular? Oder sind dann diese buddhistischen Grundprinzipien bereits säkular? Woanders http://religion.orf.at/stories/2714411/ heißt es vom Dalai Lama: "Ethik ist uns angeboren". Wenn ja, muss sie dann noch entwickelt werden und wie passt dies dann zusammen mit "eine säkulare Ethik [erfordert] eine Schulung des Herzens, viel Geduld und ausdauerndes Bemühen" (ebenda).

Ich würde sagen, die Ethik ist schon da, nur fehlen die Menschen, die sie praktizieren können.

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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 1. November 2015 13:16

Buddhaghosa hat geschrieben:Ich bin da skeptisch, Mehrheit und "tiefere Einsicht" passt für mich grundsätzlich schon einmal nicht zusammen. Ich würde es erweitern: es ist die Angst vor der Hölle und die Gier nach den Götterwelten, die Karma für die Allgemeinheit interessant macht.

Wobei ja die Götterwelten genauso wenig erstrebenswert sind wie die Höllen, aus buddhistischer Sicht. Schliesslich geht es ja um den Ausstieg aus dem karmischen Kreislauf. Mir scheint es eher die buddhistische Grundlehre zu sein, dass man Angst vor der Ansammlung von Karma generell bekommt. Wenn Leute sich karmisch innerhalb des Rades herumschubsen wollen, sind sie aus meiner Sicht noch keine Buddhisten. Dann hätte man ja schon die Bedeutung der vier edlen Wahrheiten nicht verstanden.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 1. November 2015 13:19

Buddhaghosa hat geschrieben:Wenn sie auf buddhistischen Grundprinzipien fußt, wie ist dann die Ethik säkular? Oder sind dann diese buddhistischen Grundprinzipien bereits säkular?


Guter Punkt. Ich würde Deine zweite Frage mit "Ja" beantworten, denn es gibt ja auch eine Vielzahl von Praktizierenden, die den Buddhismus als "Philosophie" begreifen und nicht als "Religion". Das sollte man dann allerdings schon dazu sagen wenn von säkularer Ethik die Rede ist.

Buddhaghosa hat geschrieben:Ich würde sagen, die Ethik ist schon da, nur fehlen die Menschen, die sie praktizieren können.


Ethik entwickelt sich ja, ist dynamisch. Früher galt es als unethisch wenn gleichgeschlechtliche Menschen ein Paar sind, heute können sie (standesamtlich,natürlich nicht kirchlich) heiraten. Im Fall von Inzest ist die Geschwisterliebe auch heute noch unethisch, auch wenn das Gesetz Anfang des 19. Jahrhunterts entwickelt wurde und eventuell nicht mehr zeitgemäß ist. Bei der Verletzung von religiösen Gefühlen gilt es als unethisch wenn eine rote Linie überschritten wird (im Islam ist es die bildhafte Darstellung von Mohammed) oder wenn man den Holocaust verniedlicht. Ich denke, man muss da schon in die Details gehen, um zu analysieren was säkulare Ethik ist.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Buddhaghosa » 1. November 2015 13:24

voom hat geschrieben:Wenn Leute sich karmisch innerhalb des Rades herumschubsen wollen, sind sie aus meiner Sicht noch keine Buddhisten. Dann hätte man ja schon die Bedeutung der vier edlen Wahrheiten nicht verstanden.


Dass du eine sehr exklusive Sicht hast, wer für dich Buddhist ist oder wer nicht, hatten wir ja erst kürzlich.

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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 1. November 2015 13:52

Aber würdest Du nicht auch sagen, dass das Verständnis der 4 edlen Wahrheiten eigentlich der Grundpfeiler des Buddhismus schlechthin ist?

Vielleicht kommt meine "exklusive" (ich denke, die meinst das im Sinne von: ausschliessend) Sicht daher, dass ich mich in einer "mystischen" Weise mit dem Buddhismus auseinander setze. Also nicht in einer "religiösen". Da ist dann das Kriterium für Inklusion, dass man die philosophischen / mystischen Grundlagen nicht verletzt. Ob man dann auf einen Erzengel oder einen Buddha meditiert, ist schon fast egal, solange diese Grundlagen bestehen. (Ausgangspunkt, Zielsetzung usw.)

Aus einer religiösen Sicht wäre jemand, der Buddha anbetet wie einen äußeren Gott, auch Buddhist, weil er ja "irgendwie was mit Buddha" macht. Aus mystischer Sicht ist das blos einfacher Volksglaube im Gewand des Buddhismus.

Um das auf das Thema zu bringen: je nachdem ob man das mystisch/spirituell oder religiös meint, ist möglicherweise der Begriff "säkular" schon wieder anders besetzt.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Buddhaghosa » 1. November 2015 14:04

Hallo voom,

voom hat geschrieben:Aber würdest Du nicht auch sagen, dass das Verständnis der 4 edlen Wahrheiten eigentlich der Grundpfeiler des Buddhismus schlechthin ist?


aber wie viele Christen verstehen die Grundpfeiler des Christentums nicht? Ich denke, die Mehrheit. Buddhist ist, wer die Zuflucht genommen hat. Praktizierender Buddhist, könnte man sagen, ist, wer die Tugendregeln auf sich nimmt - also die praktische Ethik.

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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 1. November 2015 14:21

Ich sehe das beim Christentum nicht viel anders. Wobei sich Christentum aber eher sehr diffus über das "Glauben" an bestimmte Dinge definiert, der Buddhismus aber sehr starke philosophische Grundkonzepte hat.

Aber wie ich schon sagte: es kommt eben darauf an, aus welchem Blickwinkel man diese Zuordnung macht. Religiös oder mystisch/spirituell. Zu "richtig" oder "falsch" können wir da nicht finden. Beides ist im jeweiligen Bezugsrahmen richtig.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Magnetar » 1. November 2015 15:09

voom hat geschrieben:Wobei ja die Götterwelten genauso wenig erstrebenswert sind wie die Höllen, aus buddhistischer Sicht.

Das ist falsch - jedenfalls, wenn man die Lehrreden aus dem Palikanon zugrunde legt.

voom hat geschrieben:Schliesslich geht es ja um den Ausstieg aus dem karmischen Kreislauf.

Was nur Göttern und Menschen möglich ist. Aber selbst wenn man den Ausstieg nicht anstrebt, ist eine Geburt als Gott unermesslich viel besser als ein Sturz in die Hölle.

voom hat geschrieben:Dann hätte man ja schon die Bedeutung der vier edlen Wahrheiten nicht verstanden.

Wer die vier edlen Wahrheiten verstanden hat, ist ein Stromeingetretener. Man kann diese Dinge nicht verstehen und gleichzeitig ein "Weltling" (puthujjana) bleiben.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 1. November 2015 15:43

Magnetar hat geschrieben:
voom hat geschrieben:Wobei ja die Götterwelten genauso wenig erstrebenswert sind wie die Höllen, aus buddhistischer Sicht.

Das ist falsch - jedenfalls, wenn man die Lehrreden aus dem Palikanon zugrunde legt.

Interessant :) Aus tibetischer Sicht sind die karmischen Daseinsbereiche alle gleich ungünstig. Das Problem mit den Götterwelten ist, dass es einem hier so gut geht, dass man in der Regel vergisst, sich um sein Karma und spirituelles Wachstum zu kümmern, weil es einem so gut geht. Oder bei den Eifersüchtigen Göttern ist man damit beschäftigt, neidisch auf die noch besseren Götterwelten zu schielen. Damit ist der - sehr leidvolle - Fall fast automatisch vorprogrammiert. Am günstigsten gilt hier der Menschenbereich, weil man nicht zu viel und nicht zu wenig Leid hat, genug Antrieb und Freiraum, um sich um den Ausstieg aus dem Kreislauf zu kümmern. Wobei das nur für die "kostbare Menschengeburt" gilt, denn man könnte die Menschenwelt noch einmal in Bereiche analog zu den Daseinsbereichen unterteilen. Dazu kommt, dass die Lehre auch zur Verfügung stehen muss bzw. man die Möglichkeit haben muss, damit in Berührung zu kommen.

voom hat geschrieben:Schliesslich geht es ja um den Ausstieg aus dem karmischen Kreislauf.

Was nur Göttern und Menschen möglich ist. Aber selbst wenn man den Ausstieg nicht anstrebt, ist eine Geburt als Gott unermesslich viel besser als ein Sturz in die Hölle.

Nur das eben auch ein Götterzustand endlich ist und die Fallhöhe dann umso grösser. Aber klar, die Gefahr als Höllenwesen stecken zu bleiben ist wohl noch größer. Ich gehe in meinen Bemerkungen oben davon aus, dass ich 1. Mensch bin und 2. die Lehre kenne. Dann eine Wiedergeburt als Gott anzustreben, wenn man es besser weiss, statt sich direkt aus der dafür günstigsten Ausgangslage heraus auf den Ausstieg zu konzentrieren, finde ich dann eher "unbuddhistisch" ;)

voom hat geschrieben:Dann hätte man ja schon die Bedeutung der vier edlen Wahrheiten nicht verstanden.

Wer die vier edlen Wahrheiten verstanden hat, ist ein Stromeingetretener. Man kann diese Dinge nicht verstehen und gleichzeitig ein "Weltling" (puthujjana) bleiben.

Aber man kann Bodhisattva sein, egal auf welcher Verwirklichungs-Ebene. Also in der Welt, aber nicht blind ihren Illusionen erlegen.

Was man an den 4 edlen Wahrheiten nicht verstehen kann (wenn man es ordentlich erklärt bekommt) ist mir allerdings rätselhaft.

Aber mir ist ja auch ein Mystiker aus einer anderen Religion näher, als ein "Volksglauben-Buddhist".
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 1. November 2015 20:29

voom hat geschrieben:Religiös oder mystisch/spirituell


Es gibt da noch eine dritte Ebene: Rein philosophisch. Ohne jede Religion und ohne jede Mystik. Ich glaube, diese Ebene wollte der Dalai Lama auch ansprechen mit seiner säkularen Ethik (um wieder zurück zum Thema zu kommen).
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 1. November 2015 22:18

Sherab Yönten hat geschrieben:Es gibt da noch eine dritte Ebene: Rein philosophisch. Ohne jede Religion und ohne jede Mystik. Ich glaube, diese Ebene wollte der Dalai Lama auch ansprechen mit seiner säkularen Ethik (um wieder zurück zum Thema zu kommen).

Ja. Auch da stellt sich dann die Frage: ist das Buddhismus? Eine Philosophie zeichnet sich dadurch aus, dass man sie studiert, aber nicht danach lebt oder die Erkenntnisse umsetzt. So kann man Gelehrter werden, aber kein Buddha. Mit der Ethik meint der Dalai Lama aber vermutlich etwas, das man durchaus im Leben umsetzt, sonst hätte es ja wenig Sinn. Ich finde es ausgesprochen schwierig, da die Begriffe gegeneinander abzugrenzen.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Tobias » 1. November 2015 22:49

Eine Philosophie zeichnet sich dadurch aus, dass man sie studiert, aber nicht danach lebt oder die Erkenntnisse umsetzt


sehe ich nicht so. Ethik ist ein Teilbererich der Philosophie. Und es mag doch durchaus Philosophen geben die nach ihrer Ethik leben.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon Sherab Yönten » 1. November 2015 23:11

voom hat geschrieben:Auch da stellt sich dann die Frage: ist das Buddhismus?


Die Frage stellt sich dann eben nicht.
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Re: Säkulare Ethik

Beitragvon voom » 2. November 2015 00:09

Sherab Yönten hat geschrieben:
voom hat geschrieben:Auch da stellt sich dann die Frage: ist das Buddhismus?


Die Frage stellt sich dann eben nicht.

Warum nicht? Ist ein Buddhismus-Wissenschaftler (wie z.B. Prof. Thurman) gleichzeitig Buddhist? Nicht zwangsläufig.

sehe ich nicht so. Ethik ist ein Teilbererich der Philosophie. Und es mag doch durchaus Philosophen geben die nach ihrer Ethik leben.

Ja klar, aber jemand der nach buddhistischer Philosophie lebt und das im Leben umsetzt, ist doch dann im Grunde auch schon Buddhist. Dann ist es nicht mehr "säkular"...
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