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Vergänglichkeit

Buddhismus und buddhistische Praxis in allen Schulen und Richtungen

Vergänglichkeit

Beitragvon Sherab Yönten » 22. Januar 2016 08:30

Kann man sagen: Vergänglichkeit ist die Vorstufe zur Realisation von Leerheit ?

Anders gefragt: Um Leerheit zu realisieren ist es Voraussetzung sich (auf verschiedenen Ebenen, also im Alltag und in der Meditation) mit Vergänglichkeit zu "beschäftigen" ?
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Re: Vergänglichkeit

Beitragvon asoka » 22. Januar 2016 09:27

Ich denke beides ist möglich.

Einen nicht meditierenden kann sich das in einem spontanen Moment genauso offenbaren wie eben über den Weg der Meditation in den man das Skalpell ansetzt.

Selbst der Weg der Philosophie (nicht im Gewand des Dharma) kann dazu führen und sicherlich noch weitere Möglichkeiten.

Gruss asoka
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Re: Vergänglichkeit

Beitragvon Turmalin » 22. Januar 2016 10:33

über Vergänglichkeit zu meditieren gehört ja zu den Grundlagen der Praxis. Es ist Teil der "vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden" der erste Teil des Ngöndro. Eine Einführung in die Natur des Geistes kommt normalerweise nach dem Ngöndro. Es hat sich also scheinbar bewährt, erst mal über Vergänglichkeit zu meditieren, bzw eben diese "vier Gedanken", den ersten Teil des Ngöndro sich immer wieder bewusst zu machen.
Der Gedanke an Vergänglichkeit hilft ja einfach, dass man sich überhaupt aufrafft zur Praxis. Grade wir in unserem schicken Land laufen ja Gefahr, es uns einfach gut gehen zu lassen, uns ab und zu mal in Diskussionen zu verspinnen, wie und ob wir "unseren Wohlstand" denn halten können- dann merken wir wieder: Alles schick wie immer- und haften weiter an. Wir verdrängen, dass das alles morgen weg sein kann zumindest für Einzelne. Man hat eine Venenthrombose, die löst sich, dann Lungenembolie und das wars. Normal wird es verdrängt, dass es so sein kann. Deshalb besteht die Gefahr, faul zu werden in der Praxis. Und das vergängliche Leben, was man so hat, wahnsinnig wichtig zu nehmen. Gegen die Verdrängung hilft eben die Meditation über Vergänglichkeit. Es ist ja nur die Wahrheit, die man sich da klar macht.
Wenn man sich mal aufgerafft hat zum Praktizieren, dann kommt es ja schon noch drauf an, was man dann praktiziert. Zur Realisation der Leerheit braucht man Belehrungen über Vipassana, bzw. bei "uns" Belehrungen über Mahamudra/ Dzogchen.
Es hat ja Gründe wieso die "vier Gedanken" des Ngöndro wieder nicht reichen, sondern es die Dzogchen-Belehrungen gibt.
Vergänglichkeit gehört glaube ich aber auch zur analytischen Meditation die zu Realisation von Leerheit führen soll. Alles ist vergänglich, alles hängt mit allem zusammen, es gibt die einzelnen Dinge so nicht, wie wir das glauben.
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Re: Vergänglichkeit

Beitragvon Ayu » 22. Januar 2016 11:29

Ja. Man kann es als Gegenspieler betrachten.
Die Ignoranz, die die Leerheitserkenntnis verschleiert oder verfälscht, ist ja das Greifen nach Beständigkeit. Wir setzen natürlicher Weise voraus, das alles bleibt, wie es ist - oder zumindest das wenigstens irgendetwas bleibt, wie es ist. Dann sind wir entsetzt, wenn etwas verschwindet, an dem wir hingen. Großes Leid und völlige Fehleinschätzung der Begebenheiten.
Und "Leerheit" geht ja dahinter, jenseits von diesem Festhalte-Denken. Daher hängen Vergänglichkeit und Leerheit klar zusammen. Vergänglichkeit ist sozusagen der Beweis für Leerheit, und Leerheit ist die Schlussfolgerung aus dem Betrachten der Vergänglichkeit.

Doch auch wenn man beim Kontemplieren über Vergänglichkeit noch nicht ganz so weit kommt und der Blick auf die ultimative Schlussfolgerung noch verstellt bleibt, ist diese Praxis von außerordentlichem Wert. Jeder Schritt, der das Entsetzen über Vergänglichkeit mindert, erspart sehr viel Leid.
Und auch im Gegenteil: der bloße Gedanke an die Vergänglichkeit einer unangenehmen Lage ist sehr tröstlich.

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Re: Vergänglichkeit

Beitragvon Sherab Yönten » 23. Januar 2016 12:45

Das Nachdenken über Vergänglichkeit dient hier nicht dazu, Angst vor der Trennung von den Anhaftungsobjekten dieses Lebens zu erzeugen, von unserem Körper, unserem Besitz, unseren Verwandten, den Nahestehenden etc. Denn das ist die Angst vor dem Tod eines Menschen, der sich überhaupt noch nicht im Weg geschult hat. Worum geht es hier ? Weil niemand von uns, die wir durch die Kraft von Karma und Leidenschaften mit dem Daseinskreislauf verbunden sind, die Sterblichkeit überwunden hat, können wir derzeit auch durch Angst den Tod nicht verhindern. Die Angst vor dem Tod ist jedoch für den nützlich, der die Ziele für zukünftige Existenzen (noch) nicht verwirklicht hat. Denn wer seinen Geist in dieser Weise führt, wird diese Ziele verwirklichen und im Todesmoment keine Angst mehr haben müssen.


Zitiert aus Geshe Thubten Ngawang: "Geistesumwandlung im Mahayana Buddhismus".

Diese Form der Furchtlosigkeit im Todesmoment wäre dann doch ähnlich zu bewerten wie die Realisation von Leerheit ? Denn wer in diesem Moment ohne Angst ist, der erkennt, dass alle Bardos, die wir durchlaufen Projektionen unseres Geistes sind und eine Angst vor dieser "Bodenlosigkeit" völlig unbegründet ist, da es gar keinen Boden gibt, der unserem Geist Verletzungen zufügen könnte. Man könnte kraft seines Geistes direkt auf ein "reines Land" zusteuern.
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Re: Vergänglichkeit

Beitragvon Ayu » 23. Januar 2016 21:30

Sherab Yönten hat geschrieben:
Das Nachdenken über Vergänglichkeit dient hier nicht dazu, Angst vor der Trennung von den Anhaftungsobjekten dieses Lebens zu erzeugen, von unserem Körper, unserem Besitz, unseren Verwandten, den Nahestehenden etc. Denn das ist die Angst vor dem Tod eines Menschen, der sich überhaupt noch nicht im Weg geschult hat. Worum geht es hier ? Weil niemand von uns, die wir durch die Kraft von Karma und Leidenschaften mit dem Daseinskreislauf verbunden sind, die Sterblichkeit überwunden hat, können wir derzeit auch durch Angst den Tod nicht verhindern. Die Angst vor dem Tod ist jedoch für den nützlich, der die Ziele für zukünftige Existenzen (noch) nicht verwirklicht hat. Denn wer seinen Geist in dieser Weise führt, wird diese Ziele verwirklichen und im Todesmoment keine Angst mehr haben müssen.


Zitiert aus Geshe Thubten Ngawang: "Geistesumwandlung im Mahayana Buddhismus".

Diese Form der Furchtlosigkeit im Todesmoment wäre dann doch ähnlich zu bewerten wie die Realisation von Leerheit ? Denn wer in diesem Moment ohne Angst ist, der erkennt, dass alle Bardos, die wir durchlaufen Projektionen unseres Geistes sind und eine Angst vor dieser "Bodenlosigkeit" völlig unbegründet ist, da es gar keinen Boden gibt, der unserem Geist Verletzungen zufügen könnte. Man könnte kraft seines Geistes direkt auf ein "reines Land" zusteuern.

Nein, das hat mit Leerheitserkenntnis noch nicht viel zu tun.
Geshe Thubten Ngawang spricht hier davon, ob jemand bereit oder nicht bereit ist zu sterben, weil er seine Sachen erledigt oder nicht erledigt hat.
Es gibt viele normale nicht-buddhistische Leute, die mit Fug und Recht keine Angst mehr vor dem Tod haben. Gerade vor ein paar Tagen sah ich in einer
Doku eine Todkranke, die sagte: "Mein Leben lang habe ich vor dem Tod Angst gehabt. Immer, wenn ich nur dran dachte. Aber kaum hatte ich die Diagnose Krebs bekommen, war die Angst völlig verschwunden. Ich habe jetzt nicht die geringste Furcht vor dem Tod."
Ich vermute, der Krebs und das Sterben ist bei ihr nun einfach natürlicherweise "dran", es gehört so und ist daher in Ordnung für sie.

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Re: Vergänglichkeit

Beitragvon Sherab Yönten » 23. Januar 2016 23:09

Hm. Wenn ich das richtig verstehe dann spricht Geshe Thubten Ngawang zwei verschiedene Formen von Ängsten an:

1.) Das Nachdenken über Vergänglichkeit dient hier nicht dazu, Angst vor der Trennung von den Anhaftungsobjekten dieses Lebens zu erzeugen, von unserem Körper, unserem Besitz, unseren Verwandten, den Nahestehenden etc. Denn das ist die Angst vor dem Tod eines Menschen, der sich überhaupt noch nicht im Weg geschult hat.

2.) Die Angst vor dem Tod ist jedoch für den nützlich, der die Ziele für zukünftige Existenzen (noch) nicht verwirklicht hat. Denn wer seinen Geist in dieser Weise führt, wird diese Ziele verwirklichen und im Todesmoment keine Angst mehr haben müssen.

Punkt 2) ist interessanter. Denn er sagt erst, dass es nützlich ist vor dem Tod Angst zu haben und dann sagt er, dass jemand, der "seinen Geist in dieser Weise führt" im Todesmoment keine Angst hat.

Aber stimmt, er schreibt in diesem Zusammenhang tatsächlich nichts über Leerheit, in der Lamrim Systematik beschreibt er diese Ängste im Zusammenhang mit der Kostbarkeit der menschlichen Existenz.

Ayu hat geschrieben:Aber kaum hatte ich die Diagnose Krebs bekommen, war die Angst völlig verschwunden. Ich habe jetzt nicht die geringste Furcht vor dem Tod


Das ist aber total selten wenn man sich nicht vorher schon damit beschäftigt hat, denn es gibt bei solchen Diagnosen normalerweise bestimmte Phasen, die jeder durchläuft, ähnlich wie bei den Trauerphasen.

Im Todesmoment (also nicht bei der Diagnose) keine Angst zu haben grenzt für mich zumindest an Realisation von Leerheit. Die einzelnen Kapitel im Lamrim sind ja erst eine schrittweise Erläuterung des Stufenweges, aber dann erkennt man doch, dass Weisheit eigentlich in allen Lamrim Kapiteln die wichtigste Rolle spielt.
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