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Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

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Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Mork_der_Ork » 28. März 2016 17:59

Diese Frage beschäftigt mich gerade. Da der Begriff "Atheismus" ein bisschen wischiwaschi ist, will ich ihn zunächst etwas präzisieren. Ich meine in diesem Kontext einen Menschen, der nicht an religiöse Konzepte glaubt, der überzeugt ist, dass nach dem Leben nichts mehr kommt, kein Jenseits, kein Geist oder Bewusstseinsstrom, der zu einer Reinkarnation führen könnte. Ein vollkommenes Erlöschen, wenn man es so bezeichnen will. Ein Freund von mir, der selbst Atheist ist, bezeichnete es auch mal als "Nichtexistenz."

Ich finde am Buddhismus besonders toll, dass er eigentlich fast alles logisch erklären oder widerlegen kann. Mich würde daher die buddhistische Sicht auf ein atheistisches Weltbild interessieren. Ist der Atheismus mit dem Buddhismus vereinbar? Mich würden eure Meinungen und Erklärungen dazu sehr interessieren.

Liebe Grüße

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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 28. März 2016 18:16

Ich würde das glaube ich als "Säkularismus" bezeichnen, was Du beschreibst. A-Theismus heisst ja nur, dass man nicht an Gott glaubt. In der eigentlichen Wortbedeutung könnte man den Buddhismus auch als "atheistisch" bezeichnen.

Innerhalb des Buddhismus gibt es viele verschiedenen philosophische Strömungen, die zu solchen Fragen verschiedene Meinungen haben. Wenn man es ganz pragmatisch sieht, kann man auch Buddhist sein und so eine Weltsicht haben. Dann würde man vielleicht meditieren, um mehr Bewusstheit und Gelassenheit in diesem Leben zu bekommen. Vielleicht würde man es auch auf eine psychologische Weise interpretieren, was da passiert. Es gibt durchaus auch eine Bewegung des "säkularen Buddhismus", die mir in die Richtung zu gehen scheint.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Mork_der_Ork » 28. März 2016 18:21

Auch wenn das jetzt vielleicht ein Riesenmissverständnis meinerseits ist, käme dann nicht die Vorstellung von Nirvana der "Nicht-Existenz" gleich?
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Buddhaghosa » 28. März 2016 18:47

Hallo,

Mork_der_Ork hat geschrieben:Da der Begriff "Atheismus" ein bisschen wischiwaschi ist, will ich ihn zunächst etwas präzisieren. Ich meine in diesem Kontext einen Menschen, der nicht an religiöse Konzepte glaubt, der überzeugt ist, dass nach dem Leben nichts mehr kommt, kein Jenseits, kein Geist oder Bewusstseinsstrom, der zu einer Reinkarnation führen könnte. Ein vollkommenes Erlöschen, wenn man es so bezeichnen will... Mich würde daher die buddhistische Sicht auf ein atheistisches Weltbild interessieren. Ist der Atheismus mit dem Buddhismus vereinbar?


solche Ansichten gelten im Buddhismus als Irrlehren und sind nicht vereinbar mit dem buddhistischen Pfad.

Mork_der_Ork hat geschrieben:Ich finde am Buddhismus besonders toll, dass er eigentlich fast alles logisch erklären oder widerlegen kann.


Das ist wohl eher Wunschdenken.

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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 28. März 2016 19:16

Mork_der_Ork hat geschrieben:Auch wenn das jetzt vielleicht ein Riesenmissverständnis meinerseits ist, käme dann nicht die Vorstellung von Nirvana der "Nicht-Existenz" gleich?

Das wäre ja dann Nihilismus, den der Buddhismus als Extrem ablehnt. Nirvana wird auf verschiedenen Belehrungsebenen verschieden erklärt. Parinirvana bedeutet, dass der individuelle Bewusstseinsstrom verlöscht, aber das ist gleichzeitig eine Verschmelzung mit Allem. Im nicht-dualen Tantra gibt es von vorne herein gar keine Trennung zwischen Nirvana und Samsara, beide sind identisch bis auf die Wahrnehmung davon. So gesehen würde man durch das Verlöschen des Ego das Nirvana erreichen. Da das aber die Aufhebung der Trennung zwischen dem Bewusstseinsstrom und Allem ist, scheint es mir letztendlich auf das Gleiche hinaus zu laufen ;) Nur dass man einmal die Seite der Medaille mehr betont, die "Existenz" lautet und mal die Seite der Medaille die "Verlöschen" lautet.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Buddhaghosa » 28. März 2016 20:03

Hallo,

voom hat geschrieben:Parinirvana bedeutet, dass der individuelle Bewusstseinsstrom verlöscht, aber das ist gleichzeitig eine Verschmelzung mit Allem.


diese Beschreibung von voom hier sollte von Neulingen mit Vorsicht betrachtet werden. Dies ist für orthodoxe Buddhisten, die sich ausschließlich auf Gautama Buddha beziehen, nicht haltbar. Es schwankt von unglücklich formuliert bis schlicht falsch.

Buddhismus ist auch nur atheistisch, wenn es um die Abwesenheit eines Schöpfergottes gibt. Nicht aber atheistisch, wenn es allgemein um die Leugnung jeglicher Art von Göttern geht.

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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Mork_der_Ork » 28. März 2016 20:09

Buddhaghosa hat geschrieben:
Mork_der_Ork hat geschrieben:Ich finde am Buddhismus besonders toll, dass er eigentlich fast alles logisch erklären oder widerlegen kann.


Das ist wohl eher Wunschdenken.



Ich wollte damit nicht sagen, dass der Buddhismus auf alles eine Antwort hat. Vergleicht man ihn aber mal mit anderen Religionen, dann wird deutlich, dass der Buddhismus viele Zusammenhänge logisch erklärt, wo andere Religionen nur den Willen eines lenkenden und unsterblichen Gottes vermuten.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Sherab Yönten » 28. März 2016 20:13

Mork_der_Ork hat geschrieben:ch wollte damit nicht sagen, dass der Buddhismus auf alles eine Antwort hat.


Auf alles hat auch der Buddhismus keine Antwort. Aber vielleicht meinst Du es ja so wie in meiner Signatur ?
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Mork_der_Ork » 28. März 2016 21:10

Sherab Yönten hat geschrieben:
Mork_der_Ork hat geschrieben:ch wollte damit nicht sagen, dass der Buddhismus auf alles eine Antwort hat.


Auf alles hat auch der Buddhismus keine Antwort. Aber vielleicht meinst Du es ja so wie in meiner Signatur ?


Genauso war es gemeint.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 28. März 2016 22:51

Buddhaghosa hat geschrieben:
voom hat geschrieben:Parinirvana bedeutet, dass der individuelle Bewusstseinsstrom verlöscht, aber das ist gleichzeitig eine Verschmelzung mit Allem.

diese Beschreibung von voom hier sollte von Neulingen mit Vorsicht betrachtet werden. Dies ist für orthodoxe Buddhisten, die sich ausschließlich auf Gautama Buddha beziehen, nicht haltbar. Es schwankt von unglücklich formuliert bis schlicht falsch.

Zumindest aus Sicht der Mahayana / Vajrayana - Philosopien ist das weder unglücklich formuliert noch falsch. Das Bild ist das eines Wassertropfens, der sich mit dem Ozean vereinigt. Der Wassertropfen ist als getrennte Entität verschwunden, aber trotzdem existieren seine Bestandteile weiter als Teil des Ozeans. Ist nun der Wassertropfen verloschen, oder mit dem "grossen Ganzen" verschmolzen? Das ist lediglich eine Frage des Blickwinkels.

Zu einer "orthodoxen" Sichtweise kann ich nichts sagen, ausser dass ich oft sogar die Palikanon-Texte ganz anders lese und verstehe, als sie gemeinhin interpretiert werden. Das ist für mich von Vorteil, weil für mich diese Texte in der Weise wie sie von der Mehrheit der Leute heute anscheinend vertreten werden, wenig hergeben würden.

Rein philosophisch betrachtet, ohne mich auf Texte zu beziehen, ist es für mich gerade zwangsläufig logisch, dass etwas nicht einfach in einem leeren Vakuum verschwindet. Ich verstehe auch nicht, warum das erstrebenswert sein sollte. Erst gibt man alle irdischen Dinge auf, um dann zum Lohn irgendwann einfach im Nichts zu verschwinden? Wem hilft das? Mir nicht, und anderen würde ich damit ja offensichtlich auch nicht helfen.

Das allererste, was ich zum Buddhismus gelernt habe, war dass man das "Verlöschen" nicht so verstehen darf, dass man einfach in einem schwarzen Loch verschwindet. Weil es so ein schwarzes Loch nicht gibt, weil das Wesen der Dinge nicht-dual ist. So verstehe ich auch das Herz-Sutra: Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. Form und Leerheit untrennbar.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Turmalin » 29. März 2016 11:11

voom hat geschrieben: Ich verstehe auch nicht, warum das erstrebenswert sein sollte. Erst gibt man alle irdischen Dinge auf, um dann zum Lohn irgendwann einfach im Nichts zu verschwinden? Wem hilft das? Mir nicht, und anderen würde ich damit ja offensichtlich auch nicht helfen.

Die Argumentation kannte ich noch nicht und finde ich richtig weise.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Sherab Yönten » 29. März 2016 11:38

Turmalin hat geschrieben:
voom hat geschrieben: Ich verstehe auch nicht, warum das erstrebenswert sein sollte. Erst gibt man alle irdischen Dinge auf, um dann zum Lohn irgendwann einfach im Nichts zu verschwinden? Wem hilft das? Mir nicht, und anderen würde ich damit ja offensichtlich auch nicht helfen.


Die Argumentation kannte ich noch nicht und finde ich richtig weise.


Ich glaube, dass argumentiert wird, dass das "Verschwinden im Nichts" angestrebt wird, weil dann der ewige Kreislauf Geburt, Alter, Krankheit, Tod, Geburt, u.s.w. durchbrochen wird. Letztlich ist dann die Befreiung vom Leiden erreicht.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Turmalin » 29. März 2016 14:04

Man hofft doch, dass die Bemühungen zu mehr führen als nur zur Abwesenheit von Leid.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Sherab Yönten » 29. März 2016 14:09

Turmalin hat geschrieben:Man hofft doch, dass die Bemühungen zu mehr führen als nur zur Abwesenheit von Leid.


Aus Mahayana Sicht ist das so. :)
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Sprite » 29. März 2016 21:13

Rein philosophisch betrachtet, ohne mich auf Texte zu beziehen, ist es für mich gerade zwangsläufig logisch, dass etwas nicht einfach in einem leeren Vakuum verschwindet. Ich verstehe auch nicht, warum das erstrebenswert sein sollte. Erst gibt man alle irdischen Dinge auf, um dann zum Lohn irgendwann einfach im Nichts zu verschwinden? Wem hilft das? Mir nicht, und anderen würde ich damit ja offensichtlich auch nicht helfen.


Gut gesprochen. Eigentlich wäre dann der Nihilismus zu Lebzeiten erstrebenswert, da man dort ja schon fast im leeren Vakuum lebt (es sich einbildet). Aber bei "Nirvana" scheiden sich natürlich die Geister, da werden glaube ich nie 2 Leute vollkommen einig werden. Ich fragte es ja schon einmal, WER überhaupt in das Nirvana eingehen soll? Für mich ist das Verlöschen nicht auf eine Person bezogen, da sie ja auch sowieso in der Doktrin des Buddhismus allgemein verneint wird (kein Selbst). So könnte ich auch krass formulieren, dass der Buddha gar nicht ins Nirvana gegangen ist, da er überhaupt nicht geboren wurde.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Buddhaghosa » 30. März 2016 10:09

Hallo,

hier mal ein Kommentar zu den Upanishaden:

When a person achieves moksha or liberation, atman returns to Brahman, to the source, like a drop of water returning to the ocean. The Upanishads claim that it is an illusion that we are all separate: with this realization we can be freed from ego, from reincarnation and from the suffering we experience during our existence. Moksha, in a sense, means to be reabsorbed into Brahman, into the great World Soul. (http://www.ancient.eu/Upanishads/)


Klingt auf den ersten Blick bekannt?

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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 30. März 2016 12:01

Ja, das Bild ist ähnlich, aber die Philosophie im Hintergrund ist eine andere. z.B. fehlt Leerheit von Selbst und Phänomenen. Von einer "Weltenseele" spricht der Buddhismus auch nicht, schon gar nicht in einer personifizierten Form. Ob das in der Praxis einen gravierenden Unterschied macht, sei dahin gestellt.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 30. März 2016 16:32

Ein sehr mageres Wikipedia-Kapitel https://de.wikipedia.org/wiki/Nirwana, aber immerhin:

In der Madhyamaka Schule hat Nirwana einen positiven Charakter, da hiermit die niederen Aspekte des Ich abfallen (erlöschen). Nagarjuna versteht das wirklich Reale als Shunyata (Leerheit).[8] Nirwana ist demgemäß die Erkenntnis der Leere, aus der und in der alles Vergängliche lebt, auf Grundlage eines einheitlichen Empfindens sowie Einblick in die Einheit von Welt (Samsara), Körper, Seele und Geist. Es kann als Freiheit von Anhaftungen an Zustände von Unglück, Zufriedenheit und Glück verstanden werden. Zugleich ist es die Erfahrung der Glückseligkeit im intensiven Wahrnehmen der eigenen Identität mit einem absoluten Bewusstsein.


Rezeption in Westeuropa und Hintergrund
Der Begriff ist schwer zu definieren und hat in der Rezeptionsgeschichte des Buddhismus im Westen zu Missverständnissen geführt. Im Verlauf einer längeren Übersetzungsgeschichte aus dem Sanskrit bis ins Thailändische wurde das Wort von dort aus zunächst mit „Nichts“ in den westeuropäischen Sprachraum übertragen. Diese irreführende Übersetzung hat dem Buddhismus aus der Perspektive der westeuropäischen Philosophie den Vorwurf eingebracht, es handele sich um eine nihilistische Lehre.


Wie unterscheidet sich nun die Sichtweise, wie sie Buddhaghosa dargestellt hat, von diesem Missverständnis des Nihilismus?

Immerhin macht es wenig Sinn, von einem "glückseligen Geisteszustand" zu reden, wenn da absolut niemand mehr ist, der ihn erfährt, weil alles "im Nichts verloschen" ist.
Durch intensive Betrachtung eines der drei Merkmale des Daseins („Unbeständigkeit“, „Leidhaftigkeit“, „Leerheit“) durchläuft der Meditierende verschiedene Erkenntnisstufen (Vipassanâ-ñâna). Die kontinuierliche neutrale Beobachtung aller Daseinsphänomene (Gefühle, Sinnesobjekte, Gedanken) führt zu einer allmählichen Loslösung und gipfelt in der sogenannten Erfahrung des Maggaphala („Moment der Frucht“). Dieses Ereignis, das im Theravada als die eigentliche Erfahrung des Nirwanas gilt, verändert den Meditierenden und führt zu einem „Bruch mit der Welt“. Die Eindringlichkeit und Stärke dieser Erfahrung macht auch den Grad der „Erlöstheit“ eines Menschen aus.

Parinirvana als "Identisch sein mit dem Absoluten" würde sowohl den Aspekt des Verlöschens der Individualität (und damit Ich-bezogenheit) umfassen, als auch den der Erfahrung von (nicht durch Umstände bedingtem) Glück.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Sprite » 30. März 2016 16:44

Ja, das Bild ist ähnlich, aber die Philosophie im Hintergrund ist eine andere. z.B. fehlt Leerheit von Selbst und Phänomenen.


Ja sehe ich auch so. Die Upanishaden sind für mich schon fast konträr zur buddhistischen Ethik. Auch darf man nicht vergessen, dass Vertreter beider Parteien stets versucht haben, die andere Partei zu wiederlegen (wie etwa Nagarjuna oder auf der anderen Seite die Kommentatoren des Brahma Sutra, wie etwa Sankara). Ich persönlich komme sehr gut mit den Widersprüchen klar und kann beide Sichtweisen verstehen. Für einen Anfänger wird es schwer sein, er ist geneigt einer bestimmten Doktrin zu befolgen.

Immerhin macht es wenig Sinn, von einem "glückseligen Geisteszustand" zu reden, wenn da absolut niemand mehr ist, der ihn erfährt, weil alles "im Nichts verloschen" ist.


Genau. Hier liegt mir z.B. die Sicht der Upanishaden näher, die berichten, dass das Wesen an sich schon "SatCitAnanda" ist, als reines Glückseligkeitsbewusstsein. Dies wäre aber im Buddhismus schon wieder eine "Selbst".
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Tobias » 30. März 2016 16:53

voom hat geschrieben:Parinirvana bedeutet, dass der individuelle Bewusstseinsstrom verlöscht, aber das ist gleichzeitig eine Verschmelzung mit Allem.


voom hat geschrieben:Rein philosophisch betrachtet, ohne mich auf Texte zu beziehen, ist es für mich gerade zwangsläufig logisch, dass etwas nicht einfach in einem leeren Vakuum verschwindet. Ich verstehe auch nicht, warum das erstrebenswert sein sollte. Erst gibt man alle irdischen Dinge auf, um dann zum Lohn irgendwann einfach im Nichts zu verschwinden? Wem hilft das? Mir nicht, und anderen würde ich damit ja offensichtlich auch nicht helfen


ich verstehe nicht warum etwas erstrebenswert sein muss auf dem buddhistischen Pfad oder als buddhistisches Ziel. Wichtig ist das verlöschen des Leides. Da Begierde Ursache des Leidens ist, ist es doch gut, dass nichts mehr erstrebenswert ist. Ich habe auch nichts gegen die Mahayana oder Vajrayana-Perspektive aber ich denke schon, dass die Pfade in sich gleichwertig sind und damit sollte man nicht denken, das das ziel der Theravadins niedriger(weniger erstrebenswert sind). Ich persönlich freue mich egal welches Ziel ich irgendwann mal erreiche. (befreiung oder Erleuchtung im Sinne des Mahayana oder Vajrayana)

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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Buddhaghosa » 30. März 2016 17:33

voom hat geschrieben:Wie unterscheidet sich nun die Sichtweise, wie sie Buddhaghosa dargestellt hat ...


Ich habe doch bisher gar keine Sichtweise dargestellt. Nur gesagt: nicht dies, nicht das.

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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 30. März 2016 18:01

Buddhaghosa hat geschrieben:Ich habe doch bisher gar keine Sichtweise dargestellt. Nur gesagt: nicht dies, nicht das


Buddhaghosa hat geschrieben:
voom hat geschrieben:Parinirvana bedeutet, dass der individuelle Bewusstseinsstrom verlöscht, aber das ist gleichzeitig eine Verschmelzung mit Allem.

diese Beschreibung von voom hier sollte von Neulingen mit Vorsicht betrachtet werden. Dies ist für orthodoxe Buddhisten, die sich ausschließlich auf Gautama Buddha beziehen, nicht haltbar. Es schwankt von unglücklich formuliert bis schlicht falsch.

Aus Deiner Antwort habe ich den Schluss gezogen, dass Du eine Sichtweise beschreibst (die der othodoxen Buddhisten) bei der meine Aussage "schlicht falsch" sein kann. Das hiesse für mich in der Konsequenz, dass das Verlöschen in dieser Sichtweise ein vollständiges Verschwinden wäre. Denn ein Verlöschen des Individuellen unter Eingehen in etwas, das nicht Alles ist, kann nicht gemeint sein. An dem Punkt kann es aus meiner Sicht nur um "Alles" oder "Nichts" gehen - oder, wenn man Extreme vermeiden will: "Alles und Nichts" in einem (Madhyamaka-Philosophie).

Wie wäre es denn richtig(er) aus Sicht "orthodoxer Buddhisten"?
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon voom » 30. März 2016 18:05

Tobias hat geschrieben:ich verstehe nicht warum etwas erstrebenswert sein muss auf dem buddhistischen Pfad oder als buddhistisches Ziel.

Ganz einfach, weil an dem Punkt der Mensch angesprochen ist, der noch sucht, der eine Motivation (ein Begehren) braucht, um einen Weg zu betreten. Unabhängig davon, was am Ende tatsächlich dabei herumkommt. Wenn ich einem Menschen sage: "Also, Buddhismus, das geht so: Du verzichtest im Leben auf alles, was angenehm ist, um dann ins Nichts einzugehen, was Dein Leiden beendet" (überzeichnet) dann rechne ich damit dass das nur depressive lebensmüde Gestalten anzieht oder die Leute verständnislos das Weite (woanders) suchen. Ich versuche mich da hinein zu versetzen, dass man vielleicht so sehr leidet, dass einem die blosse Aussicht das Leiden ein für alle mal zu beenden schon Motivation genug ist. Aber obwohl ich schon sehr sehr langwierige und leidvolle Erfahrungen hatte, komme ich so einem Verständnis nichtmal nahe.
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Tobias » 30. März 2016 18:16

voom hat geschrieben:
Tobias hat geschrieben:ich verstehe nicht warum etwas erstrebenswert sein muss auf dem buddhistischen Pfad oder als buddhistisches Ziel.

Ganz einfach, weil an dem Punkt der Mensch angesprochen ist, der eine Motivation (ein Begehren) hat, diesen Weg zu betreten. Unabhängig davon, was am Ende tatsächlich dabei herumkommt. Wenn ich einem Menschen sage: "Also, Buddhismus, das geht so: Du verzichtest im Leben auf alles, was angenehm ist, um dann ins Nichts einzugehen, was Dein Leiden beendet" (überzeichnet) dann rechne ich damit dass das nur depressive lebensmüde Gestalten anzieht oder die Leute verständnislos das Weite (woanders) suchen.


Na so wie du es darstellst ist es ja auch wenig motivierend dargestellt,

Ich würde dem gleichen Menschen in folgender Weise ansprechen:

Der Buddhismus hat die Befreiung von Leiden als Ziel. Du fragst dich was Leiden bedeutet und wie man es überwindet? Dann meditiere über die 4 Wahrheiten und darüber hinaus gemäß dem Sutra-Pfad, Dann wird klar, was leiden ist. Und ein reiner Verzicht führt ja auch nicht zur Leidaufhebung(siehe Ablehung von Askese) Ein wahrer Frieden tritt erst dann ein, wenn alle Dinge in ihrer Leidhaftigkeit durchschaut sind und zwar erreicht man das durch richtige Meditation z.B. Vipassana richtiges Verhalten usw. Wenn das leiden direkt angeschaut wurde, ist es doch eine legitime Erkenntnis, das man sich von diesem Leiden befreit und das hinter dieser Freiheit von Leid auch nichts sein muss als Frieden(Friedlichkeit) und auch nicht zwingend soetwas wie Freude im Sinne des Sambhogakaya(Dzogchen)

Die Erfahrung von richtiger Meditation, sollte genug Motivation sein, das Leiden beenden zu wollen ohne das man dabei depressiv wird. Zumindest war das meine Erfahrung.

Liebe Grüße
Tobias
Zuletzt geändert von Tobias am 30. März 2016 18:19, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: sinnentstellenden Schreibfehler korrigiert
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Re: Was sagt der Buddhismus über Atheismus?

Beitragvon Sherab Yönten » 30. März 2016 19:23

Tobias hat geschrieben:Die Erfahrung von richtiger Meditation, sollte genug Motivation sein, das Leiden beenden zu wollen ohne das man dabei depressiv wird.


Wobei man sich in der (formalen) Meditation ja in eine Kuschelecke zurückzieht. Da ist es schwer, "Leid" überhaupt zu erkennen und den Wunsch der Entsagung zu entwickeln. Siddartha hatte in seiner Kuschelecke des Palastes auch keine Vorstellung von Leiden. Erst als er den Palast verließ hatte er eine Idee von Alter, Krankheit und Tod.
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